← Zurück zum Blog
Expeditionsbericht

Notizen aus hohen Breiten: Diskobucht-Reise mit der CAPE RACE

Diskobucht-Reise mit der CAPE RACE, 26. Juni bis 3. Juli: von der Anreise-Odyssee über einsame Fjorde ganz für uns allein bis zu schlafenden Buckelwalen und kirchenfensterartig durchscheinenden Eisbergen — der Bericht von Expeditionsleiter...

3. August 2026 · von Andreas Umbreit
Notizen aus hohen Breiten: Diskobucht-Reise mit der CAPE RACE
© Andreas Umbreit

Zum zweiten Mal in dieser Grönland-Saison hatten wir den harten Kontrast zwischen einerseits einer Anreise-Odyssee mit mehrfach geänderten Flügen, deshalb Zwischenübernachtung in Keflavik (Island) statt wie geplant in Ilulissat (Grönland), und für einen Teil der Gruppe sogar einem unfreiwilligen nächtlichen Rundflug über Grönland: Landung in Ilulissat war nicht möglich, daher Rückflug nach Keflavik und weiterer Anlauf nach einigen Stunden Schlaf.

Letztlich konnte ich die ganze Gruppe dann doch mit nur vierstündiger Verspätung am Flughafen in Ilulissat in Empfang nehmen, wo auch andere Grönlandreisende mit den Widrigkeiten gestrichener Flüge oder Überbuchungen haderten. Allerdings fehlte von zwei Gästen das Gepäck, doch wir konnten auf dem Schiff mit dem Nötigsten aushelfen, setzten den Fokus des ersten Tages auf die gewaltigen Eisberge vor Ilulissat, was sowieso Teil des Reiseprogramms gewesen wäre, und konnten tatsächlich die fehlenden Koffer am nächsten Vormittag in Ilulissat abholen. Grönlandflüge sind notorisch anfällig für Unerwartetes, sei es wegen des Wetters oder wegen fehlenden ausreichend qualifizierten Personals in den Flughäfen — hierauf sollte man eingestellt und auch vorbereitet sein, insbesondere gehören Medikamente ins Handgepäck, und die Wanderkleidung einschließlich Stiefeln sollte auch gern als Reisekleidung getragen werden, um zumindest einen Quell von Aufregung zu reduzieren. Dies trifft nicht nur Grönlandreisen mit der CAPE RACE, sondern genauso auch mit anderen Veranstaltern. Leguan Reisen hat allerdings erneut einen super Job gemacht, die Probleme möglichst schnell zu lösen.

Ein Eisberg wie eine blaue Kathedrale
Ein Eisberg wie eine blaue Kathedrale

Unsere eigentliche Schiffstour war dann das glatte Gegenteil des holprigen Einstiegs: wenig Wind, ruhige See, fast durchgehend Sonne — das waren schon mal gute Ausgangsbedingungen. Und weniger Treibeis und Eisberge (keine Sorge: in der Diskobucht gibt es trotzdem mehr als genug davon) als in den vergangenen Jahren erlaubten uns Routen, an die in den letzten beiden Jahren nicht zu denken war, obwohl die CAPE RACE einiges an Eis verträgt und wir uns auch durchaus ins Eis trauen: im Gegensatz zu einigen großen Expeditionsschiffen, die zwar in der Werbung mit ihrer Eisklasse angeben, in der Realität aber zur Schonung ihres Lacks das Eis meiden. So gelang uns erstmalig der Vorstoß weit hinein in den Aliaanatsoq-Fjord ganz im Nordosten der Diskobucht, aus dem vermutlich viel mehr und größere Eisberge stammen als von der Front des Eqip-Sermia-Gletschers, die eigentlich nur deshalb so bekannt ist, weil sie von Ilulissat mit schnellen Tagestourenbooten leichter erreichbar ist. Auch die Durchfahrt durch den Aliaanatsoq-Fjord nach Westen in die nördliche Diskobucht war für uns eine Premiere.

Tor-Eisberg in der Diskobucht
Tor-Eisberg in der Diskobucht: durchscheinendes Eis, von der CAPE RACE aus gesehen
Eisberge und Wollgras bei Qeqertaq
Eisberge und Wollgras bei Qeqertaq

Weil wir mit Vorliebe Punkte ansteuern, die kaum ein anderes Schiff besucht, sind wir auch praktisch immer ganz für uns allein, von gelegentlichen Fischerbooten abgesehen. Der Verband der Arktis-Expeditionskreuzfahrtveranstalter (AECO) bietet zwar ein Reservierungssystem an, mit dem seine Mitglieder durch entsprechende Reservierungen gleichzeitige Anläufe bestimmter Punkte vermeiden können, aber das ist in Grönland eher für jene Schiffe relevant, die vorzugsweise die Standardpunkte ansteuern. Ich habe in diesem System in der ganzen diesjährigen Grönland-Saison noch keine einzige Buchung gemacht, da wir an den Standardzielen, die von den meisten sonstigen Schiffen angesteuert werden, wenig Interesse haben. Unsere Gäste wissen genau diesen Fokus auf das eher Ausgefallene sehr zu schätzen — vor allem, wenn sie feststellen, wie viele spannende ausgefallene Ziele Grönland hat, die sich in keinem Prospekt und keinem Reiseführer finden. Und ein bisschen Entdeckerfreude sollte ja eigentlich auf Reisen, die sich Expeditionsfahrten nennen, auch dabei sein, statt reinem Abhaken von Punkten, die oft nur deshalb berühmt sind, weil sie so oft angelaufen werden. Aktuell (Mitte Juli) habe ich allein in dieser Grönland-Saison bereits 10 Ziele im AECO-Buchungssystem neu registrieren lassen, die darin noch gar nicht enthalten waren und folglich in den letzten Jahren von keinem Schiff der in der Organisation vertretenen Veranstalter angesteuert wurden.

Am Hafen von Qeqertaq
Am Hafen von Qeqertaq
Der Friedhof von Qeqertaq vor treibenden Eisbergen
Der Friedhof von Qeqertaq vor treibenden Eisbergen

Nebenbei hatten wir auf der Fahrt etliche schöne Walsichtungen (Buckelwale — einer sogar schlafend neben dem Schiff, ein weiterer mehrfach springend) und Vogelfelsen, obwohl Grönland für Tierbeobachtungen nicht die beste Arktisregion ist, phantastische Eisberge (einschließlich kirchenfensterartig durchscheinender dünner Eiswände), Gletscherkalbungen, lange Fahrten durch teils dichtes Treibeis, tolle Vegetation, spektakuläre Felsformationen und vielseitige Einblicke in die Kultur und Geschichte sowie das heutige Leben der Inuit und ihrer Suche nach einer eigenen Zukunft für sich und Grönland.

Ein springender Buckelwal
Ein Buckelwal springt — einer von mehreren auf dieser Fahrt
Ein Buckelwal schläft neben dem Schiff
Ein Buckelwal schläft neben dem Schiff
Abtauchender Buckelwal bei Pakitsoq
Abtauchender Buckelwal bei Pakitsoq
Vogelfelsen östlich von Qeqertaq
Vogelfelsen östlich von Qeqertaq
Dreizehenmöwen auf den Eisbergen
Dreizehenmöwen auf den Eisbergen
Ein junger Eisfuchs an Land
Ein junger Eisfuchs an Land

Die Mühen der Anreise traten dagegen jedenfalls rasch in den Hintergrund, und die Bilder hier können nur einen fahlen Abglanz der intensiven Erlebnisse bieten.

Weitere Beiträge
Mehr aus dem Blog
Expeditionswissen

Drei Welten, eine Reise: die große Antarktis-Expedition mit Falkland und Südgeorgien

15. Juli 2026
Grönland

Als die CAPE RACE ihr eigenes Boot holen musste

6. Juli 2026
Notizen aus dem Eis

Notizen aus dem Eis 147 | Aug in Aug mit Walrossen

1. Juli 2026

Inhabergeführt seit 2000 · 26 Jahre Reise-Erfahrung
Leguan Reisen GmbH · Frechen bei Köln
→ polar-schiffsreisen.de Polar-Portal