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Notizen aus dem Eis

Notizen aus dem Eis 147 | Aug in Aug mit Walrossen

Es blubberte ein bisschen im Wasser und dann tauchte es auf, das Walross. Direkt neben uns, am Strand. Wie wir eine Sternstunde der Tierbegegnung erleben durften.

1. Juli 2026 · von Birgit Lutz
Notizen aus dem Eis 147 | Aug in Aug mit Walrossen
© Birgit Lutz

Bei Reisen in Spitzbergen gehört fast immer auch der Besuch einer Walrosskolonie zum Programm. Es gibt einige Orte in der Inselgruppe, an denen man die Meeressäuger recht zuverlässig antrifft. Sicher sein kann man sich natürlich dennoch nie, drum ist man auch hier jedes Mal froh, wenn die Walrosse „zuhause" sind.

Diese Besuche verlaufen recht unterschiedlich. Manchmal liegen kleine oder große Gruppen nur so da, rülpsen und furzen, aber ansonsten tut sich nicht so viel. Manchmal aber ist viel Betrieb zwischen den Kolonien und dem Ufer, und viel Betrieb auch im Wasser. Dann kann es recht spannend werden.

Bei meiner jüngsten Spitzbergenreise auf der kleinen, gemütlichen Meander hatten wir eine der schönsten Walross-Begegnungen, die ich überhaupt bisher erleben durfte. Wir bewegten uns wie immer langsam und leise auf die in Strandnähe fläzenden Tiere zu. Besonders viele waren es nicht, aber das machte ja nichts. Bevor wir aber überhaupt in ihre Nähe kamen, wurden wir schon von Walrossen im Wasser erspäht. In solchen Momenten wüsste ich SO gerne, was in den Köpfen dieser Tiere vorgeht. Denn die Walrosse, vier an der Zahl, nahmen uns schon aus der Ferne wahr, das konnte man erkennen – obwohl Walrosse sehr schlecht sehen. Wir sahen, dass sie in unsere Richtung schauten. Und dann nahmen sie Kurs auf uns. Sie tauchten ab und wieder auf. Und dann waren sie länger weg. Bis es ganz nah bei uns erst blubberte, und dann tauchten sie direkt vor uns, wenige Meter vom Strand entfernt wieder auf. Sie prusteten erstmal gewaltig aus. Und dann schauten sie uns an.

Das Walross, das uns am nächsten war, schaute mir direkt in die Augen. Es hatte große, runde, rote Augen, wimpernlos. Die Wellen schwappten um den Koloss herum. Und das Walross schaute. Wenn man einem wilden Tier in die Augen blickt, das nicht hinter einer Zoomauer oder Absperrung, einfach so in freier Wildbahn vor einem steht – dieser Blick durchdringt einen bis ins Mark. Wird es noch näherkommen? Was macht es als nächstes? Das fragt man sich dann.

Walrosse sind beeindruckende Tiere und viel behender, als man das denkt. Männchen können außerdem 1200 Kilo wiegen. 1200 Kilo, das ist ein Kleinwagen. In so einer Umarmung will man also lieber nicht begraben werden. Dieses junge Männchen allerdings hatte richtig großes Interesse an uns. Es kam bis ins ganz flache Wasser, stützte sich auf seine Flossen und schaute weiter auf uns. Erstaunlich lange beobachtete es uns so.

Hinter ihm tauchten noch drei weitere auf und nahmen uns in Augenschein. Das erste Walross hatte nun von den ersten Menschen genug gesehen. Elegant warf es sich zur Seite und schwamm an uns – die wir uns überhaupt nicht bewegt hatten – entlang und schaute uns alle, jeden einzeln, genau an.

Wir waren aber nun keine Sandklaffmuscheln, die Hauptmahlzeit von Walrossen. Wir hatten auch keine Sandklaffmuscheln dabei. Walrosse waren wir auch nicht, gegen die man kämpfen oder mit denen man sich paaren hätte können. Wir waren nur irgendwie bunt und zweibeinig und machten nichts. Vermutlich waren wir daher für die Walrosse so langweilig, wie die Walrosse manchmal für uns, wenn sie einfach nur daliegen. Da die vier Gesellen auch keine geduldigen Naturfotografen waren, verloren sie nach einer erstaunlich langen Zeit dann aber doch das Interesse und prusteten davon.

Glückselig schauten wir uns an. Es gibt ja Abstandsregeln und alle möglichen sinnvollen Beschränkungen, was Tierbeobachtungen in Spitzbergen angeht. Aber hier konnten wir ja nun gar nichts dafür, dass die Walrosse diese Regeln nicht gelesen hatten.

Damit nicht genug, wiederholte sich diese Begegnung noch einmal mit einigen weiteren neugierigen Jungtieren. Jungtiere sind sehr oft die dankbarsten wilden Tiere, sie sind neugierig, unvorsichtig, und kommen uns so nah, dass es manchmal auch nicht mehr näher sein muss.

Zweieinhalb Stunden verbrachten wir an diesem kleinen Strandstückchen. Mit den Walrossen. Mitten in einer zauberhaften Natur, vor einer Kulisse weißer, spitzer Berge. Und das Leben war schön.

Wir lesen uns im August!

Polare Grüße,
Eure Birgit Lutz

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