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Reiseberichte

Arktischer Frühling: Schneeschuhwandern auf Spitzbergen im Juni

Anfang Juni liegt in den Buchten noch Meereis. Man geht auf Schneeschuhen, die Sonne geht nicht unter – und abends läuft die Sauna, während das Schiff im Eis treibt.

12. Juni 2026 · von Leguan Reisen
Arktischer Frühling: Schneeschuhwandern auf Spitzbergen im Juni

Am ersten Abend strich der Expeditionsleiter ein Wort aus dem Wortschatz: „Plan". Was danach kam — sieben Tage Anfang Juni auf Spitzbergen, Schneeschuhe statt Wanderstiefel, Meereis in den Buchten, Wasserproben aus 85 Metern Tiefe und eine Sauna, während das Schiff mit abgestellten Motoren im Eis trieb — war eine Woche Anfang Juni 2023. So sieht der arktische Frühling dort aus.

Warum überhaupt Anfang Juni?

Weil Spitzbergen dann noch winterlich ist, ohne dunkel zu sein. In den Buchten liegt das Meereis des vergangenen Winters, die Sonne geht nicht unter, und die Landschaft ist weiß statt braun. Wer im August kommt, sieht Tundra; wer Anfang Juni kommt, geht auf Schnee.

Auf dieser Reise wiederholten sich die Bedingungen der ersten Tage mit erstaunlicher Regelmäßigkeit: strahlender Sonnenschein, spiegelglatte See, kein Wind. Das ist kein Versprechen für jede Reise — aber es widerlegt die Vorstellung, der arktische Frühling bestehe aus Sturm und Grau.

Ein Nebeneffekt, an den kaum jemand denkt: Die Vogelkolonien bauen sich gerade erst auf. Die Gruppe sah eine kleine Kolonie aus Dickschnabellummen und Dreizehenmöwen, darüber eine Eismöwe, die auf ein unbewachtes Ei wartete. Eier waren so früh in der Saison noch keine zu sehen — aber die Vögel machten sich bereit.

Salon eines kleinen Expeditionsschiffs mit Sitzecke und Bullaugen
Der Salon eines Schiffs für zwölf Gäste. Nach einem Tag auf Schneeschuhen der wichtigste Raum an Bord.

Wie sieht ein Tag aus?

Ohne festen Rahmen — das ist der Punkt. Aber ein Muster gibt es:

  • Geweckt wird man von der Ankerkette, oft gegen halb sechs. Am ersten Morgen war das für einige ungewohnt; nach zwei Tagen ist es das Signal, dass man angekommen ist.
  • Vormittags eine Anlandung mit den Zodiacs, meist mit Schneeschuhen, eine bis zwei Stunden.
  • Mittags zurück an Bord, während das Schiff verlegt — oft nur wenige Meilen.
  • Nachmittags eine zweite Unternehmung: eine weitere Anlandung, eine Fahrt an eine Gletscherfront oder, an einem Tag, Wissenschaft an Deck.
  • Abends ein Ausblick auf den nächsten Tag — mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, dass sich alles ändern kann.

An einem Abend ging es sogar noch um 20:30 Uhr an Land. Möglich ist das nur, weil im Juni kein Tageslicht verloren geht.

Wie anstrengend ist Schneeschuhwandern wirklich?

Technisch wenig anspruchsvoll — man geht, man klettert nicht. Was den Aufwand bestimmt, ist der Untergrund, und der wechselt innerhalb einer Stunde.

Auf der Ebene Peachflya an der Westküste von Prins Karls Forland ging es gemütlich voran, über festen Schnee, an Lagunen vorbei, die hinter dem Strand in Türkis unter dem Eis schimmern.

An anderer Stelle, bei der Trapperhütte in Haukebukkta, war der Altschnee so weich und mit Schmelzwasser durchsetzt, dass die Gruppe die Tour abbrach und stattdessen den Strand erkundete. Belohnt wurde sie mit drei spielenden Walrossen.

Und auf der Moräne am Lilliehöökbreen wechselten Matsch und weicher Schnee einander ab. Wo es mit Schneeschuhen nicht ging, wurden die Schneeschuhe eben getragen.

Die Wanderungen dauerten meist 45 Minuten bis zwei Stunden. Wichtiger als Kondition ist die Bereitschaft, unterwegs umzudisponieren.

Was macht man an Bord?

Auf einem Schiff mit zwölf Gästen erstaunlich viel — und vor allem gemeinsam mit der Crew statt vor ihr.

Wissenschaft an Deck. An einem Nachmittag holten Kapitän und Guide mit den Gästen Wasserproben aus 85, 50 und 25 Metern Tiefe und von der Oberfläche und bestimmten Temperatur und Salzgehalt — beides Größen, von denen die weltweiten Meeresströmungen abhängen. Danach fischten sie Zooplankton aus verschiedenen Tiefen und fanden Ruderfußkrebse, Kopffüßler und einiges, das sich nicht bestimmen ließ. Auch eine Babyqualle, die dabei — mit viel Interesse betrachtet — für die Wissenschaft gestorben ist.

Das Bemerkenswerte daran: Es war Wasser, in dem die Gruppe am Tag zuvor gebadet hatte.

Der Maschinenraum. Der Techniker führte hindurch und erklärte, was man sieht. Auf einem Schiff dieser Größe ist das möglich, weil man ihn ohnehin täglich beim Essen trifft.

Die Sauna. Zweimal in dieser Woche — einmal vor dem Smeerenburgbreen, während das Schiff mit abgestellten Motoren im Eis trieb, einmal im Ekmanfjord vor der Abreise. Beide Male ging es danach ins Wasser. Im Nordatlantik. Anfang Juni.

Ein Film über den Klimawandel, gedreht vom Eigner des Schiffes, der Meeresbiologe ist. Auf der Überfahrt zum nächsten Gletscher gezeigt, weil man dabei ohnehin sitzt.

Welche Orte bleiben in Erinnerung?

Vier aus dieser Woche, und keiner davon ist eine Postkarte.

Kap Toscana im Van Keulenfjord. Hier stand eine Walfangstation. Im frühen 20. Jahrhundert wurden im flachen Wasser Hunderte Belugas getötet. Die Knochen schauen unter dem Altschnee hervor. Daneben steht die Hütte „Bamsebu", die Einheimische bis heute nutzen — mit einem kleinen roten Herz an einer Tür, die vermutlich nicht die Eingangstür ist.

Der Magdalenefjord. Einer der bekanntesten Fjorde Spitzbergens — und seit einigen Jahren für große Kreuzfahrtschiffe gesperrt, weil dort ein Schwerölverbot gilt. Gut für kleine Schiffe. Ganz allein ist man trotzdem nicht: ein weiteres kleines Schiff und eine Segelyacht lagen ebenfalls dort.

Der Smeerenburgbreen. Die Crew fuhr mit sicherem Abstand an die Gletscherfront, stellte die Motoren ab und ließ das Schiff treiben. Stille, Eis, Sauna. Aufbrechen musste man trotzdem, bevor das Eis das Schiff einschloss.

Coraholmen im Ekmanfjord. Eine Insel, die ein Gletschervorstoß im 19. Jahrhundert aufgeschüttet hat. Sie sieht aus wie eine Mondlandschaft, und zwischen Matsch und Schlamm liegen Reste von Kaltwasserkorallen — ein Beleg dafür, dass alles hier einmal unter Wasser lag. Man kommt sich dort vor wie ein neu geborener Marsianer.

Und Ny-Ålesund?

Der nördlichste ganzjährig bewohnte Ort der Welt wurde für den Kohlebergbau gegründet und nach einem schweren Grubenunglück in den 1960er-Jahren stillgelegt. Heute leben dort im Sommer bis zu 200 Forscherinnen und Forscher verschiedener Nationen, im Winter deutlich weniger.

Die Gruppe kam abends um 20:30 Uhr an Land und ging zum alten Ankermast, an dem 1926 das Luftschiff „Norge" startete — jene Expedition unter Amundsen, Ellsworth und Nobile, die als erste sicher den Nordpol erreichte. Der Mast steht noch.

Welche Tiere sieht man?

Diese Woche brachte:

ArtWo
Walrossan drei Tagen; zwei kletterten auf eine Eisscholle, drei spielten im Wasser
Spitzbergen-Rentierdurchgehend, teils sehr nah — eine kleinere Unterart, die nur hier vorkommt
Eisbärenspurenmehrfach, eine davon frisch
Zwergwaleiner, sprang aus dem Wasser
Schneeammerder einzige Singvogel des Archipels
Schneehuhn, Weißwangengans, Küstenseeschwalbe, Krabbentaucherdurchgehend

Ob die Gestalt, die eine Guide in der Ferne sah, ein Eisbär war oder ein Rentier, blieb offen. Es blieb offen — und genau darin liegt die Erfahrung: Man bewegt sich hier im Eisbärenland, und man merkt es mit jedem Tag deutlicher.

Was Sie mitbringen sollten

  • Warme, wasserdichte Kleidung in Schichten. Die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt — bei Sonne und Windstille wird es beim Gehen aber schnell warm. Beim Gehen wurde es manchem sogar zu warm.
  • Feste Schuhe, in die Schneeschuhe passen. Die Schneeschuhe stellt das Schiff.
  • Etwas gegen Seegang. Die Überfahrten nach Norden können unruhig werden; auf dieser Reise gab der Erste Offizier den Hinweis rechtzeitig — „einige fütterten die Fische über die Reling".
  • Badesachen. Ernst gemeint: Sauna und arktisches Wasser gehören dazu.
  • Verzicht auf einen festen Plan. Zwei Vorhaben dieser Reise wurden umgeworfen — beide Male wurde daraus der bessere Teil des Tages.

Welches Schiff fährt heute so?

Die MS Cape Race, mit der diese Reise stattfand, ist inzwischen nicht mehr in Spitzbergen unterwegs, sondern in Grönland. Für dieselbe Reiseform stehen dort drei vergleichbar kleine Schiffe:

SchiffDauerPreis ab
MS Sjøveien11–14 Tage9.740 €
MS Stockholm11–12 Tage10.040 €
MS Balto14 Tage12.440 €

Was sich seit dieser Reise geändert hat

Etwas Wesentliches, und es gehört zur ehrlichen Erwartung. Seit 2025 dürfen Schiffe in den Schutzgebieten Spitzbergens nur noch 43 von der norwegischen Regierung ausgewählte Landeplätze anlaufen. Diese müssen im Frühjahr vorab gebucht werden; die Routen stehen damit vor Saisonbeginn fest.

Das freie Ansteuern eigener Stellen, wie dieses Logbuch es noch beschreibt — die spontane Anlandung an der selten zugänglichen Westküste, das Ausweichen, als es an einem Ziel zu viel Welle hatte — ist damit vorbei. Auch für kleine Schiffe. Landgänge fallen häufiger aus, weil Ausweichen kaum noch möglich ist.

Was bleibt: die kleine Gruppe, die Nähe zur Crew, die Zeit an einzelnen Orten. Und der Juni, der Spitzbergen weiß zeigt.

Weiterlesen

Ob eine Reise im arktischen Frühling zu Ihnen passt, klären wir vorher in Ruhe — sprechen Sie uns an.

Grundlage dieses Beitrags ist das Bordbuch der MS Cape Race zur Reise „Arktischer Frühling – Spitzbergen Kreuzfahrt mit Schneeschuhwandern" vom 2. bis 9. Juni 2023. Kapitän: Ismael Ramonde Beltran. Expeditionsleiter: Andreas Umbreit. Guide und Aufgezeichnet von Steffi Liller. Alle Zitate stammen aus diesem Logbuch. Preise Stand August 2026.

Häufige Fragen

Wie ist Spitzbergen Anfang Juni?

Winterlich, aber hell. In den Buchten liegt noch Meereis des vergangenen Winters, Wanderungen finden auf Schneeschuhen statt, und die Sonne geht nicht unter. Auf der Reise im Juni 2023 herrschten an mehreren Tagen strahlender Sonnenschein und spiegelglatte See. Die Vogelkolonien bauen sich gerade erst auf, Eier sind so früh meist noch nicht zu sehen.

Wie anstrengend ist Schneeschuhwandern auf Spitzbergen?

Technisch wenig anspruchsvoll, aber stark vom Untergrund abhängig. Auf festem Schnee geht es gemütlich voran; bei weichem, mit Schmelzwasser durchsetztem Altschnee kann eine Tour auch abgebrochen werden. Die Wanderungen dauern meist 45 Minuten bis zwei Stunden. Wichtiger als Kondition ist die Bereitschaft, unterwegs umzudisponieren.

Was macht man an Bord eines kleinen Expeditionsschiffs?

Auf dieser Reise entnahmen Kapitän und Guide mit den Gästen Wasserproben aus 85, 50 und 25 Metern Tiefe, bestimmten Temperatur und Salzgehalt und fischten Zooplankton. Dazu kamen eine Führung durch den Maschinenraum, ein Film über den Klimawandel und die Sauna an Bord, genutzt während das Schiff mit abgestellten Motoren im Eis trieb.

Welche Tiere sieht man auf Spitzbergen im Juni?

Auf dieser Reise Walrosse an drei Tagen, durchgehend Spitzbergen-Rentiere, mehrfach Eisbärenspuren, einen Zwergwal, Schneehühner, Weißwangengänse, Küstenseeschwalben, Krabbentaucher und die Schneeammer, den einzigen Singvogel des Archipels.

Was ist Ny-Alesund?

Eine Siedlung, die für den Kohlebergbau gegründet und nach einem schweren Grubenunglück in den 1960er Jahren stillgelegt wurde. Heute leben dort im Sommer bis zu 200 Forscherinnen und Forscher verschiedener Nationen. Dort steht auch der Ankermast, an dem 1926 das Luftschiff Norge startete — die Expedition unter Amundsen, Ellsworth und Nobile, die als erste sicher den Nordpol erreichte.

Was sollte man auf eine Spitzbergen-Reise im Juni mitnehmen?

Warme, wasserdichte Kleidung im Schichtprinzip, feste Schuhe, in die Schneeschuhe passen — die Schneeschuhe stellt das Schiff —, etwas gegen Seegang für die Überfahrten nach Norden und Badesachen für Sauna und arktisches Wasser. Vor allem aber die Bereitschaft, auf einen festen Plan zu verzichten.

Kann man auf Spitzbergen noch frei anlanden?

Nein. Seit 2025 dürfen Schiffe in den Schutzgebieten nur noch 43 vorab gebuchte Landeplätze anlaufen. Das freie Ansteuern eigener Stellen, wie ältere Reiseberichte es beschreiben, ist damit auch für kleine Schiffe vorbei. Landgänge fallen häufiger aus, weil Ausweichen kaum möglich ist.

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