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Notizen aus dem Eis

Notizen aus dem Eis 143 | Eisbären gehen neue Wege

12. März 2026 · von Birgit Lutz

Der Eisbär ist das Symbol des Klimawandels. Aber vielleicht kann er an manchen Orten den Wandel austricksen.

Der Ursus maritimus, wie der Meeresbär eigentlich richtig heißt, lebt auf dem Meereis, das ihm unter den Tatzen wegschmilzt. Deswegen wird der Eisbär immer dann herangezogen, wenn es um eben dieses schrumpfende Meereis und den Klimawandel im Allgemeinen geht. Nun ist in der Natur und im Leben aber ja nichts einfach nur einfach, und so ist das beim Eisbären auch. Denn die Bären leben in 25 verschiedenen Populationen mit teils sehr unterschiedlichen Lebensräumen.

Die Eisbären in Spitzbergen leben auf und um diese Inselgruppe, aber nicht nur: Es gibt keine Spitzbergenpopulation, sondern nur eine Barentssee-Population, das heißt, diese Tiere wandern auf einem enormen Gebiet umher, der auch das russische Franz Joseph Land einschließt. Tiere mögen ja viele Nachteile erleiden müssen in unserer anthropogen dominierten Welt, aber Visum-Probleme haben sie keine.

Was in den vergangenen Jahren beobachtet wird, von Wissenschaftlern und von den Expeditionsschiffen: Wenn Eisbären keine Robben mehr jagen können — weil das Eis weg ist —, dann jagen sie eben was anderes. Staubsaugerähnlich radieren sie die Vogelpopulationen ganzer kleiner Inselchen aus, indem sie zur Brutzeit sämtliche Eier fressen. Sie entwickeln erstaunliche Anschleich- und Lossprintfähigkeiten beim Jagen von Rentieren. Auch bei Walrosskolonien haben wir Eisbären beobachtet, die die Tiere angriffen.

Der renommierte norwegische Eisbärenforscher Jon Aars hat vor Kurzem eine Langzeitstudie in Nature veröffentlicht. Von 1992 bis 2019 haben die Forschenden insgesamt 770 Tiere untersucht. Dabei kam etwas ganz Überraschendes heraus: Bis zum Jahr 2000 hat sich der Zustand der Bären verschlechtert. Dann hat er sich aber wieder verbessert.

Das ist insofern erstaunlich, als die Eisbedeckung in dieser Zeit um drei Monate (!) abgenommen hat. Die Bären haben also drei Monate weniger Zeit im Jahr, sich auf ihre herkömmliche Weise, nämlich die Jagd auf Ringelrobben, ihr Fettpolster anzufressen.

Was bedeutet das nun? Vielleicht sind Eisbären anpassungsfähiger, als man dachte, und fressen nun vermehrt Rentiere und Walrosse. Wenn das Eis noch mehr abnimmt, ist kaum vorstellbar, dass es sich nicht auswirkt. Bislang aber kann man — zumindest in Spitzbergen — noch ein bisschen aufatmen.

Polare Grüße,
Eure Birgit Lutz

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