27 Tage an Bord der MS Ortelius: drei Hubschrauber, acht Gruppen und fünf Seetage am Stück
Ein ehemaliges Forschungsschiff, drei Hubschrauber, 51 Seeleute und zwölf Guides: wie eine vierwöchige Expedition ins Weddellmeer tatsächlich abläuft.
Ein ehemaliges russisches Forschungsschiff, drei Hubschrauber, 51 Besatzungsmitglieder, zwölf Guides — und 27 Tage zwischen Ushuaia und der Vahsel-Bucht auf 78° Süd. Das Bordlogbuch der MS Ortelius vom Januar und Februar 2026 beschreibt nicht nur eine Route, sondern eine Logistik. Wer wissen möchte, wie sich eine derart lange Expedition tatsächlich anfühlt, findet hier die ehrlichere Antwort als in jedem Katalog.
Was für ein Schiff ist die MS Ortelius?
Gebaut 1989 im polnischen Gdynia — als Spezialschiff für die Russische Akademie der Wissenschaften, damals auf den Namen „Marina Svetaeva" getauft, nach einer russischen Dichterin. 2011 von Oceanwide Expeditions gekauft, unter niederländische Flagge gebracht und umbenannt; 2019 umfassend überholt.
| Länge / Breite | 91,25 m / 17,2 m |
| Maximaler Tiefgang | 5,4 m |
| Eisklasse | UL1 (entspricht 1A, Polar Code) |
| Reisegeschwindigkeit | 10,5 Knoten |
| Maschine | 6 ZL 40/48 Sulzer |
| Autonomie | 44 Tage ohne Hafenanlauf |
| Heimathafen | Vlissingen |
Die 44 Tage Autonomie sind keine Marketingzahl, sondern die Voraussetzung für diese Route. Zwischen Ushuaia und Ushuaia liegt kein Hafen, keine Tankstelle, kein Ersatzteillager. Wer ins Weddellmeer will, muss alles dabeihaben.
Der Name geht auf Abraham Ortelius (1527–1598) zurück, den flämischen Kartografen, der 1570 mit dem „Theatrum Orbis Terrarum" den ersten modernen Weltatlas veröffentlichte. Für ein Schiff, das Gegenden anläuft, die auf keiner Karte im Detail verzeichnet sind, ist das ein passender Pate.
Wie viele Menschen arbeiten an Bord?
Auf dieser Reise: Kapitän Remmert Costa und eine internationale Besatzung von 51 Seeleuten, dazu ein Expeditionsteam von zwölf Guides unter Expeditionsleiter Chris Long, ein Hotelmanager mit Assistentin, ein Küchenchef, eine Schiffsärztin — und die Piloten und Techniker von DAP Helicopters.
Bemerkenswert ist die Zusammensetzung des Expeditionsteams: Neuseeland, Falklandinseln, Spanien, Niederlande, Australien, Großbritannien, Wales, Schottland, Südafrika, Argentinien und zweimal China. Zwei Guides übersetzten Vorträge ins Mandarin — auf einer Reise mit internationaler Gästeschaft ist das kein Detail, sondern die Voraussetzung dafür, dass alle dasselbe erfahren.
Wie funktioniert der Hubschrauberbetrieb an Bord?
Die drei Maschinen kamen am Einschiffungstag vom Flughafen Ushuaia an Bord geflogen — das Logbuch beschreibt, wie alle vom Oberdeck aus zusahen. Danach beginnt eine Organisation, die den Tagesablauf für vier Wochen bestimmt.
Die Gäste werden in acht Gruppen zu je vier Personen eingeteilt. Jeder bekommt eine nummerierte Hubschrauberkarte, die sichtbar getragen wird, und muss eine Einverständniserklärung unterschreiben. Vor dem ersten echten Flug steht eine verpflichtende Übung — eine vollständige Generalprobe inklusive Gang zum Helikopterdeck, mit Gummistiefeln, wasserdichter Kleidung und Kamerarucksack.
Die Startreihenfolge rotiert, damit nicht immer dieselben zuletzt an der Reihe sind: am 2. Februar 5-6-7-8-1-2-3-4, am 5. Februar 4-3-2-1-8-7-6-5, am 7. Februar 3-4-5-6-7-8-1-2. Und im Tagesprogramm steht mehrfach derselbe Hinweis: „Hubschrauberoperationen brauchen erhebliche Zeit, bitte haben Sie Geduld."
Wer entscheidet, ob geflogen wird? Nicht der Expeditionsleiter. „Die endgültige Entscheidung treffen die Piloten", heißt es ausdrücklich. Am 6. Februar fiel sie negativ aus — woraufhin der Kapitän das Schiff kurzerhand an eine stabile Meereisscholle legte und die Gäste über die Gangway auf das Eis gehen ließ.
Wie viele Seetage hat eine 27-Tage-Reise?
Viele — und man sollte das vorher wissen. Nach dem Weddellmeer standen „bis zu fünf Seetage am Stück" an, bevor wieder Land in Sicht kam. Dazu kamen drei Seetage zu Beginn auf dem Weg nach Südgeorgien und die Drake-Passage am Ende.
Das Logbuch beschreibt die Reaktion an Bord ehrlich: „Einige von uns erschreckte allein der Gedanke daran, andere schienen erleichtert, endlich etwas Ruhe nachholen zu können."
Am 8. Februar wehte es mit 9 bis 10 Beaufort. Der Hinweis im Programm ist an solchen Tagen kein Sprachbild, sondern eine Anweisung:
„Eine Hand für dich selbst und mindestens eine Hand für das Schiff — jederzeit. Türen fest schließen und die Finger von den Rahmen fernhalten."
Was macht man an so vielen Seetagen?
Das Programm dieser Reise ist der eigentliche Grund, warum lange Expeditionen funktionieren. Aus dem Logbuch:
- Vorträge zu Meereis- und Gletscherkunde, Walentwicklung, Polarfüchsen, Flechten, Wetterprognose, der Geschichte des Walfangs, den Südlichen Sandwichinseln und dem Leben an Bord eines Forschungsschiffs.
- Ein mitreisender Shackleton-Experte, der im Logbuch als vermutlich kenntnisreichster Kenner weltweit beschrieben wird — mit Vortrag, Vertiefungsworkshop und einer Extrarunde „für ernsthafte Historiker".
- Praktische Workshops: Überlebenstraining, Spaltenbergung mit Knoten, Sicherungstechnik und Flaschenzug, Bildbearbeitung für Anfänger.
- Eine Shackleton-Schnitzeljagd mit eigenem Rätselheft — und der zweiteilige Shackleton-Film mit Popcorn.
- Stricken. Zwei Guides hatten einen Workshop angeboten; danach, so das Logbuch, sah man immer mehr Gäste stricken. „Niemand auf diesem Abenteuer wird noch kalte Ohren haben."
Dazu die tägliche Struktur: Weckruf, Frühstück, Vormittagsprogramm, Mittagessen, Nachmittagsprogramm, um 18:15 Uhr das Recap in der Bar, um 19:00 Uhr Abendessen. An zwei Tagen entfiel der Weckruf ausdrücklich — auch das gehört zur Planung einer vier Wochen langen Reise.
Wie ist die Verpflegung an Bord?
Das Logbuch erwähnt Büfettfrühstück und Büfettmittagessen im Restaurant auf Deck 4, dazu plattierte Abendessen an besonderen Tagen. Zum Küchenteam gehören ein österreichischer Küchenchef und ein Sous-Chef von den Philippinen.
Interessanter als die Speisenfolge ist ein Detail: Als am 3. Februar unerwartet Kaiserpinguine auftauchten, lautete die Ansage, man solle „so schnell wie möglich zu Mittag essen" — die Zodiacs würden um 13:00 Uhr fahren. Auf einer Expeditionsreise richtet sich die Küche nach den Tieren, nicht umgekehrt.
Was sieht man auf dem Rückweg?
Der Weg nach Norden ist auf dieser Route kein Leerlauf. Er führte über die Südlichen Orkneyinseln, dann nach Elephant Island — jener Insel, auf der Shackletons Männer 1916 vier Monate lang unter zwei umgedrehten Rettungsbooten ausharrten, während er selbst Hilfe holte. Danach in den Antarctic Sound mit seinen Tafeleisbergen und schließlich durch die Drake-Passage zurück nach Ushuaia.
Für wen ist eine so lange Reise geeignet?
Vier Wochen an Bord sind etwas anderes als zehn Tage. Realistisch gesagt:
- Geeignet für Reisende, die schon eine Polarreise hinter sich haben, die Seetage nicht als verlorene Zeit empfinden und die verstehen, dass das Programm dem Eis gehorcht.
- Weniger geeignet für den ersten Antarktisbesuch, für empfindliche Mägen bei 9 Beaufort und für alle, die feste Zusagen brauchen.
- Nötig: Trittsicherheit auf Eis und in Zodiacs, wasserdichte Kleidung, Gummistiefel — und die Bereitschaft, sich in eine Gruppenordnung einzufügen, wenn acht Hubschraubergruppen nacheinander aufgerufen werden.
Wer das mitbringt, bekommt eine Reise, die kaum jemand fährt: Auf dieser Route standen Menschen auf 78° Süd auf dem Schelfeis — dem südlichsten Punkt, den in dieser Saison ein Passagierschiff erreicht hat.
Weiterlesen
- Die große Antarktis-Expedition — Falkland, Südgeorgien und die Halbinsel im Vergleich
- Im Kielwasser der Belgica — eine weitere selten befahrene Route im Süden
- MS Ortelius — Schiffsdaten, Kabinen und alle Abfahrten
- Alle Expeditionsreisen — Routen, Termine und Preise
Bei Reisen dieser Länge lohnt ein Gespräch vorab besonders — sprechen Sie uns an, wir sagen Ihnen ehrlich, ob das zu Ihnen passt.
Grundlage dieses Beitrags ist das Bordlogbuch der M/V Ortelius zur Reise „Remote Weddell Sea Explorer" vom 22. Januar bis 18. Februar 2026 (Oceanwide Expeditions). Kapitän: Remmert Costa. Expeditionsleiter: Chris Long. Die technischen Schiffsdaten und alle Abläufe stammen aus diesem Logbuch. Die Fotos stammen aus dem Bildarchiv von Oceanwide Expeditions und zeigen die beschriebenen Situationen, nicht zwingend diese Reise.