Als die CAPE RACE ihr eigenes Boot holen musste
Kurz vor Mitternacht schob sich das Treibeis so dicht in die Bucht von Ilulissat, dass unser Zodiac feststeckte. Also holte die CAPE RACE es mit dem ganzen Schiff — eine Nacht im Eis, wie sie in keinem Reiseplan steht.
Ilulissat, kurz vor Mitternacht. Über den Abend hat sich das Treibeis so dicht in die Bucht geschoben, dass unser Zodiac auf dem Rückweg aus der Stadt festsitzt — der Außenborder kommt nicht mehr durch, die Paddel erst recht nicht.
Also holen wir es. Nicht mit einem zweiten Boot, sondern mit dem ganzen Schiff: Anker auf, und die CAPE RACE schiebt sich behutsam durch die Schollen zu ihrem eigenen Beiboot. Ein Manöver, das in keinem Reiseplan steht — und das hier an Bord niemanden überrascht.
Wer in die Diskobucht fährt, richtet sich nicht nach dem Kalender, sondern nach dem Eis. In diesem Sommer meint es das Eis gut mit uns: 2026 liegt spürbar weniger davon in den westgrönländischen Fjorden als in den beiden Vorjahren. Das öffnet Wege, an die zuletzt nicht zu denken war — tief hinein in die inneren Fjordarme im Nordosten der Bucht, auf Kursen, die kaum ein Reiseschiff je befahren hat. Bis in Sichtweite eines Gletschers, der noch größere Eisberge ins Wasser wirft als der bekannte Eqip Sermia, den wir natürlich ebenfalls ansteuern. Allein auf den ersten Reisen dieser Saison haben wir sechs Orte neu ins AECO-Register eintragen lassen — Stellen, an denen zuvor kein anderes Expeditionsschiff verzeichnet war.
Und die Nacht, in der das Zodiac feststeckte? Statt am Kai zu warten, blieben wir einfach im Eis. Die Gruppe verbrachte sie an Deck und im warmen Salon, während die CAPE RACE lautlos zwischen den Eisbergen vor Ilulissat trieb. Aus einer Verzögerung wurde der vielleicht schönste Abend der ganzen Reise.
Ich mag solche Reisen. Die, die sich nicht an den Plan halten, sind am Ende die, von denen man erzählt.
Grüße von der CAPE RACE,
Andreas