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Notizen aus dem Eis

Notizen aus dem Eis 149 | Ein Jahr im Eis auf Nansens Spuren

In diesem Winter driftet eine Forschungsstation durch die Polarnacht des Arktischen Ozeans. Vor ein paar Tagen hat sie nördlich des 82. Breitengrads eine Eisscholle erreicht und festgemacht – der Beginn einer Drift, die bis mindestens zum F...

16. September 2026 · von Birgit Lutz
Notizen aus dem Eis 149 | Ein Jahr im Eis auf Nansens Spuren
© Julia Regnery

In diesem Winter driftet eine Forschungsstation durch die Polarnacht des Arktischen Ozeans.

Vor ein paar Tagen hat sie eine Eisscholle erreicht und festgemacht. Damit beginnt für die Besatzung die Drift mit dem Meereis, bis mindestens zum kommenden Frühjahr.

Es muss ein sehr aufregender Moment gewesen sein, als die Eisscholle gesichtet wurde, etwas nördlich des 82. Breitengrads: Denn nun war es so weit, die Tara Polar Station konnte andocken und seine Reise mit dem Eis beginnen. Die Station ist ein eigens für den polaren Einsatz von der französischen Organisation Tara Ocean Foundation gebautes Schiff. Es lässt sich im Meereis einschließen, um den Arktischen Ozean zu erforschen. Anders als Nansen, der mit der Eisdrift den Nordpol erreichen wollte, steht bei Tara diese Erforschung im Vordergrund. Unter den zwölf Besatzungsmitgliedern – die von Expeditionshund Örkki unterstützt werden – sind auch Forschende des Alfred-Wegener-Instituts.

Mit dem Erreichen der Eisscholle beginnt ein langfristig angelegtes internationales Forschungsprogramm, das nicht nur diese Überwinterung umfasst, sondern für die nächsten zwei Jahrzehnte geplant ist. Ziel ist es, den Zustand des einzigen polaren Ozeans unseres Planeten sowie den Zustand der Erde selbst besser zu verstehen.

Die Polaris I, so heißt diese Expedition, setzt die wissenschaftlichen Arbeiten fort, die der Schoner Tara vor 20 Jahren sowie das MOSAiC-Projekt unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts vorgenommen haben. Ins Eis begleitet wurde die Tara Polar Station von der Xue Long 2, einem Forschungseisbrecher des Chinesischen Polarforschungsinstituts. Vielleicht ist dies, abgesehen von der hochinteressanten Forschung, auch einer der schönen globalen Nebeneffekte: Das Projekt ist eine Zusammenarbeit, an der insgesamt 32 Institutionen und 38 Labore beteiligt sind, die aus der ganzen Welt stammen. In Zeiten wie diesen eine unglaublich wertvolle Kooperation.

In den kommenden 20 Jahren sind insgesamt zehn Expeditionen, also Driftreisen der Tara, geplant. Laut AWI-Meereisforscher Dr. Marcel Nicolaus, der gemeinsam mit vielen wissenschaftlichen Partnern das Forschungsprogramm mitgestaltet hat, können so die Veränderungen in der Arktis direkt vor Ort systematisch und langfristig beobachtet werden und auch die Prozesse, die dahinter stecken, besser verstanden werden.

Die Tara Polar Station ist schon einige Zeit unterwegs: Am 19. Juli 2026 ist sie von ihrem Heimathafen Lorient ausgelaufen. Im August ging in Kirkenes die erste Überwinterungscrew an Bord, die im kommenden Frühjahr abgelöst werden soll.

Das Überwinterungsteam der Tara Polaris I-Expedition wird mehr als acht Monate gemeinsam verbringen. An Bord sind neben dem Expeditionshund vier Seeleute, eine Ärztin, ein Bordreporter und sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter auch die Atmosphärenforscherin Dr. Julia Regnery vom AWI.

Von ihr gibt es auch schon erste Berichte: „Wir sind jetzt seit 22. August auf See, und jeder Tag ist spannend. Zunächst haben wir – ziemlich schaukelnd aber sicher – die Barentssee und die Karasee durchquert. Das Erreichen des ersten Meereises und die Fahrt entlang der Eiskante bis zum Treffpunkt mit der Xue Long 2 nördlich der Neusibirischen Inseln haben uns wunderschöne Momente beschert. Jetzt fiebern wir dem Einfrieren der Station entgegen, damit wir die Messungen starten können. In Atmosphäre, Meereis und Ozean bestimmen wir hunderte Parameter und haben dafür mehr als 220 Messprotokolle. Wir sehen unsere Aufgabe ähnlich wie die von Astronautinnen und Astronauten: Statt unserer eigenen Forschung nachzugehen, sammeln wir Daten für die 32 beteiligten Partner. Ich verantworte die Atmosphärenmessungen und arbeite viel für das Meereisprogramm an Bord, zum Beispiel koordiniere ich den Einsatz des Unterwasserroboters, den das AWI mit ins Projekt eingebracht hat.“

Und auch im „Basislager“ am AWI wird an der Expedition weiter mitgearbeitet: Es ist geplant, dass Marcel Nicolaus diesen Unterwasserroboter (ROV) namens Ann auch von Bremerhaven aus steuern und so das Team vor Ort unterstützen kann. Ann misst die Eigenschaften des Meereises von unten, sie kartiert die Dicke des Meereises, hat mehrere Kameras und Sensoren an Bord und detektiert das Licht, das durch das Eis und die aufliegende Schneedecke das Wasser erreicht.

Das ist vor allem im Frühjahr und Herbst besonders spannend, also Jahreszeiten, aus denen bisher kaum Daten vorhanden sind. So lässt sich die Energie bilanzieren, die das Wasser erreicht und den Arktischen Ozean weiter erwärmt. Veränderungen im Ozean, so zum Beispiel die Schichtung verschiedener Wassermassen und der Austausch von Energie und Nährstoffen steht im Fokus der ozeanographischen Arbeiten. An diesem wissenschaftlichen Schwerpunkt hat AWI-Forscher Dr. Benjamin Rabe mitgearbeitet, der ebenso wie Marcel Nicolaus im nächsten Jahr das Überwinterungsteam ablösen soll und dann die Probennahmen für das Tara Polaris I-Projekt weiterführt.

Das Meereisportal berichtet laufend über die Entwicklung der Expedition. Wer sich dafür interessiert, kann unter folgendem Link mitlesen und Bilder sehen:

Die geplante Route der Polaris-1-Expedition. Eingezeichnet sind auch die früheren Driften – Tara 2006–2008 und MOSAiC 2019–2020.
Die geplante Route der Polaris-1-Expedition. Eingezeichnet sind auch die früheren Driften – Tara 2006–2008 und MOSAiC 2019–2020. © Marcel Nicolaus / Alfred-Wegener-Institut

https://www.meereisportal.de/newsliste/detail/tara-polaris-1-arktisexpedition-hat-abgelegt

Eine sehr spannende Angelegenheit!

Wir lesen uns im Oktober!

Polare Grüße,

Eure

Birgit Lutz


Von der Leguan-Redaktion

Die Tara Polar Station – die häufigsten Fragen

Die Angaben stammen aus der Kolumne von Birgit Lutz.

Was ist die Tara Polar Station?

Ein eigens für den polaren Einsatz gebautes Schiff der französischen Tara Ocean Foundation. Es lässt sich im Meereis einschließen, um den Arktischen Ozean zu erforschen. Anders als ein Eisbrecher, der sich einen Weg bahnt, gibt sich die Station dem Eis hin und lässt sich von ihm tragen.

Wo hat die Tara Polar Station festgemacht?

An einer Eisscholle etwas nördlich des 82. Breitengrads. Damit beginnt für die Besatzung die Drift mit dem Meereis, bis mindestens zum kommenden Frühjahr.

Was unterscheidet die Tara-Drift von Nansens Fahrt?

Anders als Nansen, der mit der Eisdrift den Nordpol erreichen wollte, steht bei Tara die Erforschung des Arktischen Ozeans im Vordergrund. Das Ziel ist nicht mehr ein Punkt auf der Karte, sondern der Zustand eines Ozeans.

Wer ist an Bord der Tara Polar Station?

Zwölf Besatzungsmitglieder, unterstützt von Expeditionshund Örkki: vier Seeleute, eine Ärztin, ein Bordreporter und sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter die Atmosphärenforscherin Dr. Julia Regnery vom Alfred-Wegener-Institut. Das Überwinterungsteam wird mehr als acht Monate gemeinsam verbringen.

Wie lange läuft das Tara-Forschungsprogramm?

Es ist für die nächsten zwei Jahrzehnte geplant. In den kommenden 20 Jahren sind insgesamt zehn Driftreisen der Tara vorgesehen. Ziel ist es, den Zustand des einzigen polaren Ozeans unseres Planeten sowie den Zustand der Erde selbst besser zu verstehen.

Warum ist eine Langzeitbeobachtung im Eis so wichtig?

Laut AWI-Meereisforscher Dr. Marcel Nicolaus lassen sich die Veränderungen in der Arktis so direkt vor Ort systematisch und langfristig beobachten – und auch die Prozesse, die dahinterstecken, besser verstehen. Einzelne Momentaufnahmen zeigen einen Zustand; erst eine Reihe über Jahre zeigt eine Entwicklung.

Wie viele Institutionen sind an Tara Polaris I beteiligt?

Das Projekt ist eine Zusammenarbeit von 32 Institutionen und 38 Laboren aus der ganzen Welt. Ins Eis begleitet wurde die Tara Polar Station von der Xue Long 2, einem Forschungseisbrecher des Chinesischen Polarforschungsinstituts.

Was misst der Unterwasserroboter Ann?

Ann misst die Eigenschaften des Meereises von unten: Sie kartiert die Eisdicke, hat mehrere Kameras und Sensoren an Bord und erfasst das Licht, das durch Eis und aufliegende Schneedecke das Wasser erreicht. So lässt sich die Energie bilanzieren, die den Arktischen Ozean weiter erwärmt.

Kann man einen Polarroboter aus Deutschland steuern?

Es ist geplant, dass Marcel Nicolaus den Unterwasserroboter Ann auch von Bremerhaven aus steuern und so das Team vor Ort unterstützen kann.

Welche Jahreszeiten sind für die Messungen besonders wertvoll?

Vor allem Frühjahr und Herbst – Jahreszeiten, aus denen bisher kaum Daten vorhanden sind. Gerade die Übergänge zwischen Gefrieren und Schmelzen sind die am schlechtesten erfassten Phasen im arktischen Jahr.

Wie viele Messwerte erhebt die Besatzung?

In Atmosphäre, Meereis und Ozean bestimmt das Team hunderte Parameter und arbeitet dafür mit mehr als 220 Messprotokollen. Dr. Julia Regnery beschreibt die Aufgabe als der von Astronautinnen und Astronauten ähnlich: Statt der eigenen Forschung nachzugehen, sammelt die Crew Daten für die 32 beteiligten Partner.

Seit wann ist die Tara Polar Station unterwegs?

Am 19. Juli 2026 ist sie von ihrem Heimathafen Lorient ausgelaufen. Im August ging in Kirkenes die erste Überwinterungscrew an Bord, die im kommenden Frühjahr abgelöst werden soll. Seit dem 22. August ist das Team auf See.

An welche früheren Expeditionen knüpft Tara Polaris I an?

Die Expedition setzt die wissenschaftlichen Arbeiten fort, die der Schoner Tara vor 20 Jahren sowie das MOSAiC-Projekt unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts vorgenommen haben.

Wer gehört noch zur Besatzung außer den Menschen?

Expeditionshund Örkki, ein sechs Monate alter Finnischer Lapphund, gehört fest zum Team und unterstützt die zwölf Besatzungsmitglieder.

Die Drift als Forschungsmethode – eine Idee aus dem 19. Jahrhundert

Dass ein Schiff sich absichtlich im Packeis einschließen lässt, klingt nach einem Unglück. Tatsächlich ist es eine der ältesten und klügsten Ideen der Polarforschung – und sie stammt von dem Mann, den der Titel dieser Kolumne nennt.

Fridtjof Nansen ließ 1893 sein Schiff, die Fram, nördlich der Neusibirischen Inseln im Eis festfrieren. Seine Überlegung: Wenn das Meereis des Arktischen Ozeans in einer großen Strömung von Sibirien Richtung Grönland treibt, dann müsste ein Schiff, das sich dieser Strömung überlässt, quer über das Polarmeer getragen werden. Die Fram war eigens dafür gebaut, mit rundem Rumpf, den der Eisdruck nach oben herausdrückt, statt ihn zu zerquetschen. Nansen behielt recht: Das Schiff überstand die Drift und kam nach drei Jahren wieder frei.

Der Rumpf der Tara Polar Station von oben: rund und glatt, damit der Eisdruck die Station nach oben schiebt, statt sie zu zerdrücken – dasselbe Prinzip, nach dem Nansen seine Fram bauen ließ.
Der Rumpf der Tara Polar Station von oben: rund und glatt, damit der Eisdruck die Station nach oben schiebt, statt sie zu zerdrücken – dasselbe Prinzip, nach dem Nansen seine Fram bauen ließ. © Julia Regnery / Alfred-Wegener-Institut

Den Nordpol erreichte er dabei nicht. Aber die Methode überlebte ihren Zweck – und ist heute wertvoller als damals. Denn was ein driftendes Schiff leisten kann, kann sonst nichts: monatelang an einem Ort bleiben, der sich selbst bewegt, mitten in einer Region, die im Winter für jedes andere Fahrzeug unerreichbar ist.

Was war die MOSAiC-Expedition?

Das jüngste große Beispiel vor Tara: Von 2019 bis 2020 ließ sich der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts ein Jahr lang durch die zentrale Arktis treiben – die größte Arktisexpedition der Geschichte. Auch Tara Polaris I knüpft ausdrücklich daran an, und mehrere der Beteiligten sind dieselben.

Der Unterschied liegt im Zeithorizont. MOSAiC war ein Jahr. Tara ist auf zehn Driftreisen über zwei Jahrzehnte angelegt. Damit wird aus einer Momentaufnahme eine Messreihe – und erst eine Messreihe kann zeigen, wie schnell sich etwas verändert.

Warum ist die zentrale Arktis so schlecht erforscht?

Weil man im Winter nicht hinkommt. Die Eisdecke ist zu dick für die meisten Schiffe, es ist monatelang dunkel, und die Wetterbedingungen lassen kaum Flüge zu. Die allermeisten Daten aus dem Arktischen Ozean stammen deshalb aus den Sommermonaten oder von Satelliten, die nur die Oberfläche sehen. Was unter dem Eis passiert, und was im Winter passiert, ist die große Lücke – und genau die füllt eine Drift.

Wie lebt man acht Monate im Eis?

Auf engem Raum, in einer festen Ordnung und mit sehr wenigen Menschen. Zwölf Personen teilen sich die Station – deutlich weniger als auf einem Forschungseisbrecher, wo mehrere Dutzend an Bord sind. Im Winter hat jede und jeder eine eigene Kammer; im Frühjahr und Sommer, wenn mehr Personal an Bord kommt, teilen sich zwei einen Raum.

Eine Kammer an Bord. Im Winter wird sie einzeln genutzt, im Frühjahr und Sommer teilen sich zwei Forschende einen Raum.
Eine Kammer an Bord. Im Winter wird sie einzeln genutzt, im Frühjahr und Sommer teilen sich zwei Forschende einen Raum. © Marcel Nicolaus / Alfred-Wegener-Institut

Und dann ist da noch das dreizehnte Besatzungsmitglied.

Expeditionshund Örkki, ein sechs Monate alter Finnischer Lapphund. Er ist das dreizehnte Besatzungsmitglied.
Expeditionshund Örkki, ein sechs Monate alter Finnischer Lapphund. Er ist das dreizehnte Besatzungsmitglied. © Marcel Nicolaus / Alfred-Wegener-Institut

Wo Sie das driftende Eis mit uns erleben können

Die Tara driftet dort, wohin keine Reise führt – nördlich des 82. Breitengrads, mitten im Packeis, durch die Polarnacht. Näher an diese Welt kommt man auf den Routen, die im Sommer bis an die Eiskante reichen.

  • Arktis – alle Reisen – Der Überblick über unsere Expeditionen in den hohen Norden.
  • Spitzbergen – Der zugänglichste Weg ans Packeis – von der Frühjahrssaison bis in den Spätsommer.
  • Grönland – Ostgrönland und die Diskobucht, wo das Inlandeis bis ans Meer reicht.
  • Zum Nordpol – Über 90 Grad Nord – dorthin, wo Nansen mit der Fram hinwollte.

Welche Route zu Ihnen passt, hängt von Reisezeit, Schiffsgröße und Ihrem Schwerpunkt ab. Sprechen Sie uns an – wir beraten Sie persönlich.

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