Notizen aus dem Eis | Belugas – die Kanarienvögel der See
Manchmal hört man sie, bevor man sie sieht, so laut sind die weißen Wale, die Belugas, die deswegen nicht umsonst Kanarienvögel der See genannt werden.
Polarkolumne von Birgit Lutz
Manchmal hört man sie, bevor man sie sieht, so laut sind die weißen Wale, die Belugas, die deswegen nicht umsonst Kanarienvögel der See genannt werden.
Mucksmäuschenstill waren wir. 40 Menschen, ein Schiff, kein Ton, keine Bewegung. So harrten wir, alle über die Reling gebeugt, aus. Wir warteten. Sehr gespannt! Wir lagen im Kongsfjord und hatten aus großer Entfernung Belugas gesehen. Und weil die die Angewohnheit haben, in Küstennähe in Fjorde hinein und auf der anderen Seite in Küstennähe wieder hinauszuschwimmen, fuhr unser Kapitän sogleich an eine Stelle, von der wir hofften, dass hier die Belugas an uns vorbeischwimmen mussten. Dort angekommen, fiel der Anker, und dann wurden Generatoren, Kühlschränke und überhaupt alles, was ein Geräusch macht, ausgeschaltet.
Belugas sind empfindlich; wenn man zu laut ist, lassen sie sich nicht blicken. Unser Verstummen und unsere Geduld wurden aber belohnt, und wie: Bald sahen wir die Schule der weißen Wale hinter unserem Heck auftauchen. Wie Halbmonde wälzten sich die Wale auf uns zu, ruhig, gleichmäßig. Beim Auftauchen stießen sie ihre Pruster aus, und manchmal hörten wir sie rufen. Als sie näherkamen, sahen wir, dass auch ganz kleine Wale dabei waren, die noch eine dunkle Färbung hatten.
Dann erlebten wir etwas ganz Wunderbares: Die Wale schwammen nicht einfach an uns vorbei, nein, sie schauten sich unsere Antigua sehr genau an! Sie schwammen um uns herum, und dann inspizierten sie die Ankerkette. Was hing denn da im Weg, schienen sie zu fragen. Sie tauchten dort weit hinunter und kamen prustend wieder nach oben. Eine ganze Weile blieben sie rund um unser Schiff, dann machten sie sich weiter auf, in den Sonnenuntergang hinein, weil das alles noch nicht kitschig genug war. Was für ein Erlebnis!
Belugas sind Gründelwale, die so heißen, weil sie vorwiegend am Grund fressen. Deswegen sind sie auch meistens in Küstennähe zu finden, wo das Wasser noch flacher ist. Sie haben ein recht breites Nahrungsspektrum, sie fressen dort eigentlich alles, was sie so finden können, von Tintenfischen über Muscheln und Krebse bis zu Würmern, Dorschen und Lachsen.
Sie sind nah mit den Narwalen verwandt, und es wurde sogar einmal ein Walschädel gefunden, das wohl zu einem Tier gehört hatte, das einen Narwal als Mutter und einen Beluga als Vater hatte. Ansonsten ist aber nicht bekannt, dass sich die beiden Spezies miteinander paaren würden.
Besonders groß sind sie nicht, bis maximal sechs Meter werden die etwas größeren Männchen lang. Sie haben seitliche Flipper und eine verhältnismäßig breite Fluke, die wir beim Abtauchen immer wieder schön sehen konnten.
Die Jungtiere sind blaubraun gefärbt, manche Weibchen erhalten sich einen bläulicheren Ton, ansonsten sind sie wirklich strahlend weiß, deswegen erkennt man sie aus der Ferne auch recht gut – auch wenn sie keine hohe Fluke zeigen und nur kleine Blase haben. Aber im dunklen Wasser leuchten die weißen Rücken doch recht auffällig.
Belugas sind in der Arktis und Subarktis zu finden, in Spitzbergen sind im Sommer recht viele Schulen zu sehen. Der berühmteste Beluga ist wohl Hvaldimir gewesen, von dem hier schon öfter die Rede war, der Beluga, der aus Russland nach Norwegen kam und einige Jahre an der norwegischen Küste lebte. Damit ist er aber nicht der am südlichsten aufgetauchte Beluga: 1966 tauchte plötzlich einer im Rhein bei Bonn auf, der gänzlich unkundig gleich Moby Dick getauft wurde.
Ein alleinlebender Beluga ist aber eher eine Seltenheit; die weißen Riesen sind soziale Tiere und in Verbänden unterwegs. Meistens sind das zehn Tiere, es können aber auch viel größere Gruppen werden. So sind in Spitzbergen auch Gruppen mit über 50 oder 100 Tieren keine Seltenheit, und in der Hudson Bay versammeln sich zur Paarung gleich mehrere tausend Tiere.
Das herausragendste Merkmal der Belugas ist ihre Gesprächigkeit: Sie können brummen, quieken und zwitschern, in einem weiten Frequenzbereich. Diese ganzen Töne formen sie im Bereich des Nasengangs zum Blasrohr.
Im Bellsund kann man heute noch sehen, wie ausgiebig auch die Belugas gejagt wurden: Dort liegen bei der Fangsthütte Mushamna immer noch hunderte Belugaschädel, in mehrere Haufen aufgetürmt, die von der Jagd aus den 1930er Jahren stammen. Inuit verwendeten vom Wal alles, neben dem Fleisch auch Knochen und Sehnen für ihre Werkzeuge oder Schlitten, der westliche Mensch war vor allem am Öl aus dem Fett interessiert. Heute wird der Beluga immer noch von Inuit gejagt, aber in sehr kleinem Maßstab, kommerziell ansonsten nur noch in Russland.
Essen sollte man das Fleisch tatsächlich nicht mehr, denn es strotzt nur so vor all den Giften, die wir in unsere Meere hineinkippen, von Schwermetallen über DDT, PCB und die PFASe, um nur einige zu nennen. So vergiftet sind die Wale mittlerweile, dass sie vermehrt Krebs bekommen. Und die, die das Fleisch essen, wie die Grönländer, natürlich auch.
Es ist also besser, man lässt sie leben und jagt sie nicht zum Essen. Das ist auch deswegen viel wertvoller, weil es ein unfassbares Erlebnis ist, wenn ein solches Tier einem nahe kommt und einem in die Augen schaut, bevor es wieder im Meer verschwindet. Das ist ein deutlich nachhaltigeres und nachhallenderes Erlebnis, als ein solches Wesen zu essen, davon bin ich überzeugt. Essen kann man ja den Beluga-Kaviar. Der aber hat mit dem Belugawal gar nichts zu tun. Der kommt von einer Stör-Art.
Wir lesen uns im September!
Polare Grüße,
Eure
Birgit Lutz
Belugas in Spitzbergen – die häufigsten Fragen
Die Angaben in diesem Abschnitt stammen aus der Kolumne von Birgit Lutz und aus unserer Reisepraxis in Spitzbergen.
Wann sieht man in Spitzbergen Belugas?
Im arktischen Sommer, zwischen Juni und September. Belugas sind dann in Spitzbergen regelmäßig in größeren Schulen unterwegs. Sie ziehen küstennah in die Fjorde hinein und auf der anderen Seite wieder hinaus – eine Route, auf die sich Expeditionsschiffe legen können.
Warum heißen Belugas die Kanarienvögel der See?
Wegen ihrer Stimme. Belugas brummen, quieken und zwitschern über einen weiten Frequenzbereich; die Töne entstehen im Bereich des Nasengangs zum Blasloch. Bei ruhiger See und abgestelltem Motor hört man sie oft, bevor man sie sieht.
Wie groß werden Belugas?
Bis maximal sechs Meter – das sind die etwas größeren Männchen. Belugas haben seitliche Flipper und eine verhältnismäßig breite Fluke, die beim Abtauchen gut zu sehen ist. Sie zeigen keine hohe Fluke und haben nur einen kleinen Blas.
Wie groß sind Beluga-Gruppen?
Meist etwa zehn Tiere. In Spitzbergen sind Gruppen von über 50 oder 100 Tieren keine Seltenheit. In der kanadischen Hudson Bay versammeln sich zur Paarung mehrere tausend Tiere. Einzelgänger sind die Ausnahme.
Warum halten sich Belugas so nah an der Küste auf?
Belugas sind Gründelwale: Sie fressen vorwiegend am Meeresgrund und bleiben deshalb dort, wo das Wasser flach ist. Ihr Nahrungsspektrum ist breit – von Tintenfischen über Muscheln und Krebse bis zu Würmern, Dorschen und Lachsen.
Wie verhält man sich an Bord, damit Belugas nicht abtauchen?
Leise sein. Belugas reagieren empfindlich auf Lärm. Auf kleinen Schiffen lassen sich Generatoren, Kühlschränke und Maschine für eine Weile abstellen – auf großen Schiffen ist das nicht möglich. Genau dieser Unterschied entscheidet oft darüber, ob eine Beluga-Schule das Schiff umkreist oder in der Ferne bleibt.
Woran erkennt man Jungtiere?
An der Färbung. Jungtiere sind blaubraun, manche Weibchen behalten einen bläulicheren Ton. Ausgewachsene Belugas sind strahlend weiß und daher auch aus der Ferne im dunklen Wasser gut auszumachen.
Wo Sie Belugas mit uns sehen können
Beluga-Begegnungen wie die geschilderte gelingen dort, wo ein Schiff wirklich still werden kann. Diese Reisearten kommen dafür infrage:
- Spitzbergen unter Segeln – Segelschiffe wie die Antigua fahren zeitweise ohne Maschine und ankern in den Fjorden. Die ruhigste Art, Wale zu beobachten.
- Spitzbergen mit kleinen Schiffen – wenige Gäste an Bord, flexible Routen, kurze Wege an Deck, wenn etwas gesichtet wird.
- Nordspitzbergen – der Kongsfjord, in dem sich die geschilderte Szene abspielte, liegt an der Nordwestküste und wird auf vielen dieser Routen angelaufen.
- Umrundung Spitzbergens – die längste Variante mit den meisten Fjorden und damit den meisten Gelegenheiten.
Welche Route zu Ihnen passt, hängt von Reisezeit, Schiffsgröße und Ihrem Schwerpunkt ab. Sprechen Sie uns an – wir beraten Sie persönlich.