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Notizen aus dem Eis

Notizen aus dem Eis 150 | Ice Women – ein Film über Frauen im Eis

Ein Dokumentarfilm über drei Frauen, die früh weit in die Arktis vordrangen: Josephine Peary, Ada Blackjack und Louise Arner Boyd. Gedreht in Grönland und Alaska, erzählt „Ice Women" von Neugier und Widerstandskraft – und von einer Welt, di...

19. Oktober 2026 · von Birgit Lutz
Notizen aus dem Eis 150 | Ice Women – ein Film über Frauen im Eis

Wie überall in der Geschichtsschreibung sind auch die Frauen, die sich schon früh weit in die Arktis gewagt haben, wenig beachtet worden. Ein bewegender Film trägt nun ein bisschen dazu bei, das zu ändern.

Wer schon in Alaska, Spitzbergen oder Grönland unterwegs war, hat gute Chancen, in dem Film von Dorothea Braun und Jens Becker einige bekannte Orte wieder zu entdecken. Und auch, wenn man noch nie in der Arktis war: Der 90 Minuten lange Dokumentarfilm nimmt sein Publikum mit auf eine spannende, teils erschütternde und bewegende Reise ins Eis.

Erschütternd und bewegend deswegen, weil wir auf den Spuren von Frauen unterwegs sind, und denen passiert nun mal, schon immer und immer noch, so manches. Dazu müssen Frauen häufig nur existieren, wenn sie sich aber dann so etwas Ungewöhnliches erlauben, wie ins Eis zu reisen – dann wird es für manche Männer geradezu zur Aufgabe, diese Frauen zu bremsen, zu diskreditieren, und leider auch, direkt anzugreifen.

Dorothea Braun und Jens Becker begeben sich in ihrem Film auf die Spuren dreier Frauen: Josephine Peary, Ada Blackjack und Louise Arner Boyd. Diesen drei historischen Figuren setzen die Filmemacher drei heutige Protagonisten gegenüber: Die AWI-Glaziologin Angelika Humbert, die Inupiat-Linguistin Maddy Kiminaq Alvanna-Stimpfle und die Sozialarbeiterin Kaalannguaq Eipe Uvdloriaq aus Qaanaaq in Nordgrönland.

Josephine und Robert Peary an Deck eines Schiffes
Josephine und Robert Peary an Deck. Ohne ihre Bücher hätte es die Nordpolexpeditionen ihres Mannes so nicht gegeben. Szenenfoto aus „Ice Women“ von Dorothea Braun und Jens Becker.

In drei Akten werden diese Geschichten erzählt und gegengeschnitten. Josephine Peary war es, die es ihrem Mann Robert Peary ermöglichte, seine Expeditionen zum Nordpol überhaupt auszuführen: Ihre Bücher aus dem Eis verkauften sich – im Gegensatz zu denen ihres Manns – so gut, dass sie mit deren Verkauf jeweils die nächste Tour finanzieren konnte. Josephine hatte auch einiges zu erzählen, denn unter anderem gebar sie auch ihre Tochter in Grönland; das Snow Baby. Trotz ihrer immensen Loyalität und Unterstützung ihres Manns musste Josephine Peary aber erleben, wie ihr Mann unzählige Nacktaufnahmen indigener Frauen und Kinder anfertigte – zu wissenschaftlichen Zwecken natürlich – und gleich mehrere Kinder mit indigenen Frauen zeugte, während sie – mittlerweile wieder zuhause – weiter an der Finanzierung arbeitete und die gemeinsamen Kinder hütete. Obwohl sie zu Lebzeiten Erfolg hatte, verschwand Josephine beinahe aus der Geschichtsschreibung. Ihr Mann jedenfalls trug nichts dazu bei, dass ihre ausschlaggebende Rolle bei seinen Expeditionen je gewürdigt wurde – sah er sich selbst doch von Gott auserwählt, als Erster den Nordpol zu erreichen.

Josephine Peary mit ihrer in Grönland geborenen Tochter
Josephine Peary mit ihrer Tochter, die sie in Grönland zur Welt brachte.
Buchcover „The Snow Baby“ von Josephine D. Peary
„The Snow Baby“ – ihre Bücher finanzierten die nächste Expedition.

Im zweiten Akt lernen wir Ada Blackjack kennen, eine Inupiat-Näherin, die nach einer gescheiterten Expedition mit mehreren Männern, als Einzige auf der Wrangel-Insel überlebte. Dass sie sich überhaupt auf dieses Abenteuer einließ, war ihrem kranken Sohn geschuldet, mit dem Lohn für ihren Einsatz wollte sie Mittel für seine Genesung finanzieren. Doch für ihren gerechten Lohn musste sie nach der Rückkehr ein Leben lang kämpfen, und während der Expedition sind in den Tagebüchern viele Stellen geschwärzt. Was steht in diesen Büchern? Es lässt sich das Schlimmste erahnen, wenn vier weiße Männer mit einer indigenen Frau in der Kälte unterwegs sind.

Historische Porträtaufnahme von Ada Blackjack zwischen Archivabzügen
Ada Blackjack überlebte als Einzige auf der Wrangel-Insel. Szenenfoto aus „Ice Women“.

Die dritte Frau schließlich, Louise Arner Boyd, eine wohlhabende Entdeckerin und autodidaktische Wissenschaftlerin, finanzierte und leitete sieben große Arktisexpeditionen, verband dabei wissenschaftliche Präzision mit innovativer Technik und poetischen Bildwelten. Wäre sie ein Mann gewesen, sie wäre in die feinsten Abenteurer- und Wissenschaftskreise eingeladen, für ihren Wagemut und ihre Kreativität gefeiert worden. Doch als Frau wurde sie verlacht, nicht ernst genommen, ihre Forschungen klein geredet. Ein wirklicher Jammer, denn Louise Arner Boyd hatte der Welt viel zu geben. Allein, die patriarchale Welt war dafür nicht bereit.

Behandschuhte Hand hält eine Archivaufnahme einer Arktisexpedition
Aus dem Archiv von Louise Arner Boyd, die sieben große Arktisexpeditionen finanzierte und leitete. Szenenfoto aus „Ice Women“.

Man kann durchaus wütend bis traurig werden bei diesem Film, man wird gleichzeitig aber auch aufgefangen. Den beiden Filmemachern gelingt es, die Misshandlungen und Schmähungen auf eine zarte, nicht sensationslüsterne Weise darzustellen, die allein schon Respekt verdient.

Überhaupt ist die Erzählweise bemerkenswert: Auch wenn es teils wenig Archivmaterial gibt, gelingt es den Autoren, die Geschichten filmisch so umzusetzen, dass das Fehlen historischer Aufnahmen kaum auffällt. Mit kurzweiligen Trickszenen, visuell eindrucksvoll und erzählerisch vielschichtig verwebt Icewomen seltene Archivschätze – darunter restauriertes Filmmaterial der dänischen Filmemacherin Jette Bang sowie bisher unveröffentlichte Aufnahmen von Louise Arner Boyd (!) – mit gegenwärtigen Bildern der schmelzenden Eislandschaften in Grönland und Alaska. So entsteht eine filmische Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Tradition, Kolonialgeschichte und einer komplexen Gegenwart.

Es ist eine Wohltat, dass man es hier, neben all den patriarchalen männlichen Heldengeschichten, die man sonst so zu hören bekommt, einmal mit Frauen zu tun hat, die Arktis aus weiblicher Sicht erleben darf. Weibliche Neugier, Intuition und Widerstandskraft werden sichtbar, kein von Brüllen begleitetes Trommeln auf die Brust heroischer Eroberer, stattdessen ein von Leichtigkeit und Wissensdurst geprägter Umgang mit der Kälte, der schlussendlich deutlich heroischer ist als die vermeintlichen Heldentaten so manch männlicher Heiopeis. Ein Jammer, hatten nicht mehr Frauen die Chance, sich so weit vorzuwagen, und davon auch noch zu berichten. Umso wertvoller sind diese Zeugnisse.

Ice Women, heißt es in dem Heft zum Film, würdigt Frauen, deren größtes Hindernis niemals die Kälte war. Wie wahr.

Wo kann man den Film sehen?

Erstmal auf Festivals. Ich dufte ihn auf dem Bergfilmfest Tegernsee sehen; am 21. November wird Ice Women auf dem Bergfilmfestival in Graz gezeigt und ist dort auch für den Grand Prix nominiert. Im November wird er außerdem in Mainz, Berlin und Kassel auf Festivals gezeigt. Mehr Informationen zu den Vorführungen sind auf der Seite des Verleihers zu finden, die immer wieder aktualisiert wird: wfilm.de/eisfrauen

Nächstes Jahr soll der Film auch im Fernsehen gezeigt werden, und dann auch eine längere Version von dreimal 45 Minuten.

Ich kann die Eisfrauen nur wärmstens empfehlen.

Wir lesen uns im November!

Polare Grüße,
Eure
Birgit Lutz


Von der Leguan-Redaktion

„Ice Women" – die häufigsten Fragen

Worum geht es in dem Dokumentarfilm „Ice Women"?

Der 90 Minuten lange Dokumentarfilm von Dorothea Braun und Jens Becker erzählt in drei Akten die Geschichten von drei Frauen, die früh weit in die Arktis vordrangen: Josephine Peary, Ada Blackjack und Louise Arner Boyd. Ihnen stellen die Filmemacher drei heutige Protagonistinnen gegenüber.

Wer sind die heutigen Protagonistinnen des Films?

Die AWI-Glaziologin Angelika Humbert, die Inupiat-Linguistin Maddy Kiminaq Alvanna-Stimpfle und die Sozialarbeiterin Kaalannguaq Eipe Uvdloriaq aus Qaanaaq in Nordgrönland.

Was hat Josephine Peary zu den Nordpolexpeditionen beigetragen?

Ihre Bücher aus dem Eis verkauften sich – anders als die ihres Mannes Robert Peary – so gut, dass sie mit deren Verkauf jeweils die nächste Expedition finanzieren konnte. Ihre Tochter, das Snow Baby, brachte sie in Grönland zur Welt.

Wer war Ada Blackjack?

Eine Inupiat-Näherin, die nach einer gescheiterten Expedition mit mehreren Männern als Einzige auf der Wrangel-Insel überlebte. Sie hatte sich auf die Reise eingelassen, um mit dem Lohn die Genesung ihres kranken Sohnes zu finanzieren – und musste nach der Rückkehr ein Leben lang um diesen Lohn kämpfen.

Wer war Louise Arner Boyd?

Eine wohlhabende Entdeckerin und autodidaktische Wissenschaftlerin, die sieben große Arktisexpeditionen finanzierte und leitete. Als Frau wurde sie verlacht und ihre Forschung klein geredet; der Film zeigt bisher unveröffentlichte Aufnahmen aus ihrem Nachlass.

Wo wurde der Film gedreht?

Der Film verwebt seltene Archivschätze – darunter restauriertes Filmmaterial der dänischen Filmemacherin Jette Bang – mit gegenwärtigen Bildern der schmelzenden Eislandschaften in Grönland und Alaska.

Wo kann man „Ice Women" sehen?

Zunächst auf Festivals: Am 21. November läuft der Film beim Bergfilmfestival in Graz und ist dort für den Grand Prix nominiert; im November wird er außerdem in Mainz, Berlin und Kassel gezeigt. Die aktuellen Termine stehen auf der Seite des Verleihers unter wfilm.de/eisfrauen.

Kommt der Film auch ins Fernsehen?

Im kommenden Jahr soll „Ice Women" im Fernsehen gezeigt werden, dann auch in einer längeren Fassung von dreimal 45 Minuten.

Wo Sie die Arktis dieser Frauen mit uns erleben können

Die Orte, an denen Josephine Peary, Ada Blackjack und Louise Arner Boyd unterwegs waren, lassen sich bis heute bereisen:

  • Grönland – Josephine Pearys Tochter kam hier zur Welt, und in Qaanaaq in Nordgrönland spielt auch der heutige Erzählstrang des Films.
  • Alaska – Heimat der Inupiat und einer der beiden Drehorte für die Gegenwartsaufnahmen.
  • Spitzbergen – eines der Gebiete, das Louise Arner Boyd auf ihren sieben Expeditionen befuhr.
  • Arktis im Überblick – alle Routen und Schiffe auf einen Blick.

Sie wissen noch nicht, welche Route zu Ihnen passt? Sprechen Sie uns an – wir beraten Sie persönlich.

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