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Reiseberichte

Südgrönland: vierhundert Jahre Bauernland am Polarkreis

Auf 60 Grad Nord wächst Gras bis ans Wasser. Acht Tage zwischen einer Kirchenruine von 1300, einer verlassenen Herrnhuter Mission, Grönlands einziger warmer Quelle — und einem Gletscher mit tausenden Möwen davor.

1. September 2026 · von Leguan Reisen

Am 17. August 2026 ging eine Gruppe von der MS CAPE RACE an einem Ort an Land, an dem sonst kaum jemand an Land geht. Sissarluttoq — der Name bedeutet auf Grönländisch etwa „schlechtes Ufer", und er hält, was er verspricht: Die Anlandung ist heikel.

Oben auf der Wiese liegen rund fünfzig Gebäudereste einer Siedlung der Nordleute. Manche sind noch klar als Mauern zu lesen, andere nur noch als Grasbuckel. Es ist eine der eindrucksvollsten norrönen Anlagen Grönlands — und sie war an diesem Vormittag menschenleer, bis auf die eigene Gruppe.

Die MS Cape Race liegt vor Anker zwischen grasbewachsenen Hängen in einem südgrönländischen Fjord
Die CAPE RACE vor Anker. Orte wie Sissarluttoq haben keinen Anleger — man kommt nur per Zodiac an Land, und auch das nicht immer. © Andreas Umbreit

Der grüne Teil von Grönland

Wer „Grönland" hört, denkt an Eis. Südgrönland verhält sich anders, und das hat einen geografischen Grund: Es liegt um 60 bis 61 Grad Nord — auf der Breite von Oslo, Stockholm und Sankt Petersburg. Das Inlandeis bleibt weit im Hinterland, die Fjorde reichen tief hinein, und in den Tälern wächst Gras.

Deshalb stehen hier Schaffarmen. Deshalb gibt es Weiden, Kartoffelfelder und Rinder. Und deshalb nannte Erik der Rote die Insel im zehnten Jahrhundert Grænland — was oft als Werbetrick abgetan wird, für diesen Landstrich aber schlicht zutrifft.

Die Fahrt der CAPE RACE vom 11. bis 18. August 2026 begann und endete in Qaqortoq, dem größten Ort der Region. Acht Tage, konstant neun bis zwölf Grad, und ein Programm, in dem Gletscher zwar vorkamen, aber nicht die Hauptrolle spielten.

Grünes Fjordtal in Südgrönland mit Bachlauf, Weiden und Bergen im Hintergrund
Südgrönland im August: Gras bis ans Wasser. Das Inlandeis liegt weit im Hinterland, hier wachsen Weiden und stehen Schaffarmen. © Andreas Umbreit

Vierhundert Jahre Nordleute — und ein plötzliches Schweigen

Südgrönland ist der einzige Teil der Arktis, in dem europäische Bauern über Jahrhunderte gelebt haben. Um 985 gründete Erik der Rote seinen Hof Brattahlíð am Eiriksfjord, dort, wo heute das Dorf Qassiarsuq liegt. Die Gruppe wanderte am 15. August durch den Ort zu den Resten der Siedlung; ihr Guide Bent hatte hier zwei Sommer lang als örtlicher Führer gearbeitet.

Rund 300 Jahre später baute ein Großbauer am Fjord östlich von Qaqortoq eine Kirche aus Stein. Hvalsey, errichtet um 1300, ist heute die besterhaltene norröne Ruine Grönlands: Die Mauern stehen in voller Höhe, mit Fensteröffnungen und Giebel.

Die steinerne Kirchenruine von Hvalsey auf einer Wiese über dem Fjord
Hvalsey, um 1300 erbaut. Die besterhaltene Ruine der Nordleute in Grönland — und der Ort ihres letzten schriftlichen Lebenszeichens: einer Hochzeit im Jahr 1408. © Andreas Umbreit

Und Hvalsey trägt noch etwas anderes. Der letzte schriftliche Beleg über die Nordleute in Grönland ist eine Hochzeit, die 1408 in dieser Kirche gefeiert wurde und über isländische Quellen überliefert ist. Danach schweigen die Aufzeichnungen. Warum die Siedlungen aufgegeben wurden — Klimaverschlechterung, wegbrechender Handel mit Walrosselfenbein, Abwanderung —, wird bis heute diskutiert.

Seit 2017 gehören fünf Orte dieser Landschaft gemeinsam zum UNESCO-Welterbe Kujataa: nicht als Ruinenfeld, sondern als Kulturlandschaft, in der norrönes und heutiges grönländisches Bauerntum an denselben Hängen stattfinden.

Nach den Nordleuten: die Herrnhuter

Zwischen dem Verschwinden der Nordleute und der Gegenwart liegt eine dritte Schicht, die man in Südgrönland ebenfalls betreten kann. Am 14. August landete die Gruppe bei Lichtenau an, grönländisch Alluitsup — einer 1774 gegründeten Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeinde.

Der Ort ist heute verlassen. Missionskirche, das einstige Haupthaus, Stallungen und Wohngebäude stehen noch. Die Herrnhuter, eine aus der Oberlausitz stammende Freikirche, unterhielten zwischen 1733 und 1900 sechs Stationen in Grönland; Lichtenau war eine davon.

Rotes Fachwerkhaus und Kirche der verlassenen Herrnhuter Missionsstation Lichtenau
Lichtenau, 1774 von der Herrnhuter Brüdergemeinde gegründet und heute verlassen. Haupthaus, Kirche und Stallungen stehen noch. © Andreas Umbreit

Eine vierte Schicht liegt noch darunter. Auf der Insel Uunartoq streifte die Gruppe am 13. August über gut erkennbare Reste von Inuit-Erdhäusern und einen alten Friedhof — Zeugnisse der Thule-Kultur, die nach den Nordleuten kam und deren Nachfahren die heutigen Grönländer sind.

Grasbewachsene Steinreste von Inuit-Erdhäusern auf der Insel Uunartoq
Reste von Inuit-Erdhäusern auf Uunartoq. Vier Kulturschichten liegen in Südgrönland übereinander — Thule, Nordleute, Herrnhuter, Gegenwart. © Andreas Umbreit

Grönlands einzige warme Quelle

Dieselbe Insel Uunartoq hat noch eine Besonderheit: die einzige wirklich angenehm warme Quelle Grönlands, gefasst in einem geräumigen Becken. Man sitzt darin und schaut über den Fjord — an diesem Nachmittag auf die vor Anker liegende CAPE RACE und eine Gruppe Eisberge dahinter.

Am Vormittag desselben Tages hatte die Gruppe die Reste eines Benediktinerinnenklosters aus der Wikingerzeit durchstreift, bei einem Ort namens Narsarsuaq. Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Flughafenort weiter nördlich — es gibt in Südgrönland zwei Narsarsuaq, und dieses hier liegt am Fjord südlich davon.

Blick von der Insel Uunartoq über den Fjord auf Eisberge und Berge
Der Blick von Uunartoq. Wer in der warmen Quelle sitzt, schaut auf genau diese Eisberge. © Andreas Umbreit

Und die Gegenwart: Wasserkraft, Schafe, Felle

Am 14. August stand vormittags etwas auf dem Programm, das in kaum einem Reisebericht aus Grönland vorkommt: der Aufstieg zum Damm des Stausees von Qorlortorsuaq. Das Wasserkraftwerk dort versorgt Qaqortoq und Narsaq mit Strom und ersetzt Dieselgeneratoren — Grönland deckt inzwischen einen erheblichen Teil seines Strombedarfs aus Wasserkraft.

Am letzten Tag, dem 18. August, kam noch ein Betrieb dazu: die Fellverarbeitung in Qaqortoq, die einzige ihrer Art für ganz Grönland. Hier werden die Robbenfelle der Jäger des ganzen Landes zu Leder verarbeitet.

Und dazwischen, am Abend des 12. August, passierte das Schiff die Graphitmine von Amitsoq. Sie ruht derzeit, aber es gibt Pläne für eine Wiederinbetriebnahme — Südgrönland ist auch eine Bergbauregion, über deren Zukunft seit Jahren gestritten wird.

Der Sonderfall am zweiten Tag

Es gab auf dieser Reise auch einen Moment, für den anderswo viel Geld bezahlt wurde. Am 12. August 2026, nachmittags im Tasermiut-Fjord, schob sich der Mond vor die Sonne.

Südgrönland lag nicht in der Zone der Totalität — die verlief weiter nördlich und westlich. Hier blieb es bei einer partiellen Verfinsterung. Aber eine dünne Wolkendecke übernahm die Arbeit der Sonnenfinsternisbrille: Die Sonne war so weit abgeblendet, dass man die Sichel gut zwanzig Minuten lang mit bloßem Auge verfolgen konnte, während es merklich dämmerte.

Sichelförmig verdeckte Sonne hinter dünnen Wolken, davor Takelage
Der 12. August 2026 über dem Tasermiut-Fjord. Die dünne Wolkendecke blendete die Sonne so weit ab, dass die Sichel mit bloßem Auge zu sehen war. © Andreas Umbreit

Wie derselbe 12. August ein paar Breitengrade weiter nördlich aussah, wo Schiffe eigens für die Totalität hinfuhren, steht in unserem Beitrag über die Sonnenfinsternis im Scoresby Sund.

Einundzwanzig Sekunden Südgrönland: grüne Täler, eine warme Quelle, eine Kirche von 1300 und drei Gletscher. © Andreas Umbreit

Die Landschaft kommt trotzdem vor

Wer jetzt denkt, Südgrönland sei nur Geschichte und Landwirtschaft: Der Tasermiut-Fjord, in den die CAPE RACE gleich in der ersten Nacht fuhr, ist bei Kletterern weltbekannt. Seine Granitwände gehören zu den größten der Erde, und am inneren Ende steht ein Gletscher, vor dem das Schiff nach dem Frühstück einfach still dahintrieb.

Am 16. August ging es in den Qaleralit-Fjord, der sich am Ende in drei Arme teilt, jeder mit eigenem Gletscher. Der östliche zeigte eine Front mit ungewöhnlich viel tiefblauem Eis; das Schiff näherte sich bis auf etwa 300 Meter. Mehrere Brocken brachen in dieser Zeit ab und brachten die tausenden Möwen in Aufruhr, die im Schmelzwasser vor der Front nach Beute suchten.

Blaue Gletscherfront mit tausenden Möwen im Schmelzwasser davor
Qaleralit-Fjord: Wo Schmelzwasser aus der Gletscherfront austritt, sammeln sich Tausende Möwen zur Nahrungssuche. © Andreas Umbreit

Anschließend eine Anlandung am dritten Gletscher: Aufstieg zu einem Aussichtspunkt, dann mit Spikes unter den Schuhen ein Stück hinaus aufs Eis und auf eine Felsnase mit Blick hinab in die Front. Auf dem Rückweg ein Gin Tonic auf örtlichem Gletschereis.

Und am 15. August ein Glücksfall: Der Qoornoq-Fjord ist meistens so voll mit Abbrucheis, dass man nicht hineinkommt. An diesem Nachmittag ging es — erst einige Meilen mit dem Schiff, dann zwei Kilometer mit den Zodiacs zwischen Eisbergen hindurch.

Was so eine Reise voraussetzt

Fast nichts von dem, was hier steht, funktioniert mit einem großen Schiff. Sissarluttoq hat keinen Anleger und ein schwieriges Ufer. Uunartoq, Lichtenau und die Norse-Ruinen erreicht man nur per Zodiac. Der Qoornoq-Fjord war überhaupt nur befahrbar, weil ein kleines Schiff kurzfristig umdisponieren konnte.

Dazu kommt die Reihenfolge. Der Wetterbericht kündigte gleich zu Beginn ab dem dritten Tag kräftigen Südostwind an — also fuhr die CAPE RACE die erste Nacht durch, um den Tasermiut-Fjord bei klarer Sicht abzuarbeiten, und rollte das Gebiet von Osten her auf. Ein festes Programm hätte diesen Tag verloren.

Und am letzten Tag zeigte sich noch etwas, das in keiner Ausschreibung steht: Laut Plan hätten alle Gäste um neun Uhr morgens von Bord gemusst, bei einem Abflug erst um 20:15 Uhr. Die Crew verzichtete auf einen halben Tag ihrer knappen Freizeit, damit das Schiff bis nach dem Mittagessen als Basis zur Verfügung stand.

Der Hafen von Qaqortoq mit bunten Häusern am Hang und der Cape Race am Kai
Qaqortoq, Anfang und Ende der Reise. Mit rund 3.000 Einwohnern der größte Ort Südgrönlands. © Andreas Umbreit

Reisen, die diese Orte anlaufen

Südgrönland steht seltener im Programm als die Diskobucht oder Ostgrönland — obwohl es die dichteste Geschichte des Landes hat. Diese Fahrten kommen dorthin:

Wie ein solcher Tag an Bord der CAPE RACE abläuft und was das Schiff an Ausrüstung mitführt, steht in unserem Bericht über Gletscher und Eisnavigation. Und wer wissen will, wie weit nördlich dieselbe Ostküste führt: nach Timmiarmiut.

Der Abend, der das Ganze zusammenfasst

Nach der Rückkehr von Hvalsey am 17. August holte Andreas Umbreit die Forschungsausrüstung der CAPE RACE hervor und zeigte, was in einer vor der Kirchenruine geschöpften Wasserprobe lebt — erst unter Lupen, dann unter dem Mikroskop. Draußen hatte es aufgeklart. Das Team stellte das Abendessen als Grill aufs Achterdeck, mit Hvalsey als Kulisse.

Vierhundert Jahre norröne Landwirtschaft, eine Kirchenruine von 1300, und daneben ein Mikroskop mit Plankton aus demselben Fjord. Das ist Südgrönland ziemlich genau.

Häufige Fragen zu Südgrönland

Wo liegt Südgrönland und wie warm wird es dort?

Südgrönland reicht etwa von Nanortalik bis Narsaq und liegt um 60 bis 61 Grad Nord — auf der Breite von Oslo, Stockholm und Sankt Petersburg. Im August liegen die Temperaturen meist zwischen 8 und 14 Grad. Auf dieser Reise wurden am ersten und letzten Tag 12 beziehungsweise 10 Grad gemessen, dazwischen konstant 9 bis 10 Grad.

Warum ist Südgrönland grün?

Weil das Inlandeis hier weit im Hinterland bleibt und die langen Fjorde ein vergleichsweise mildes, geschütztes Klima schaffen. In den Fjordtälern wächst Gras, es gibt Weiden, Schafzucht und in kleinem Umfang Ackerbau. Erik der Rote nannte die Insel im zehnten Jahrhundert nicht zufällig „Grünland".

Was ist Hvalsey?

Die besterhaltene Kirchenruine der Nordleute in Grönland, um 1300 vom örtlichen Großbauern errichtet, an einem Fjord östlich von Qaqortoq gelegen. Ihre Mauern stehen bis heute in voller Höhe. Hvalsey gehört seit 2017 gemeinsam mit vier weiteren Orten zum UNESCO-Welterbe Kujataa.

Wann verschwanden die Nordleute aus Grönland?

Das ist bis heute nicht abschließend geklärt. Sicher ist der letzte schriftliche Beleg: eine Hochzeit, die 1408 in der Kirche von Hvalsey stattfand und über isländische Quellen überliefert ist. Danach schweigen die Aufzeichnungen. Die Nordleute hatten Südgrönland zu diesem Zeitpunkt rund 400 Jahre lang besiedelt.

Was war Brattahlíð?

Der Hof Eriks des Roten in der heutigen Siedlung Qassiarsuq am Eiriksfjord, gegründet um 985 und damit die erste Ansiedlung der Nordleute in Grönland. Heute stehen dort Ruinen sowie Rekonstruktionen eines Langhauses und einer kleinen Torfkirche — und ringsum Schaffarmen.

Kann man in Grönland in einer heißen Quelle baden?

Auf der Insel Uunartoq südlich von Qaqortoq, ja. Sie ist Grönlands einzige warme Quelle mit angenehmer Badetemperatur und einem gefassten Becken. Der Blick von dort geht über den Fjord auf Eisberge. Wer nicht badet, findet auf der Insel Reste von Inuit-Erdhäusern und einen alten Friedhof.

Was ist Lichtenau in Grönland?

Eine 1774 gegründete Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeinde am Lichtenau-Fjord, grönländisch Alluitsup. Der Ort ist heute verlassen; Missionskirche, Haupthaus, Stallungen und Wohngebäude stehen noch. Die Herrnhuter betrieben zwischen 1733 und 1900 sechs Stationen in Grönland.

Wie kommt man nach Südgrönland?

Über den Flughafen Narsarsuaq, der von Kopenhagen und saisonal von Reykjavík angeflogen wird, oder seit 2024 über den ausgebauten Flughafen Nuuk mit Anschlussflug. Innerhalb der Region gibt es keine Straßen zwischen den Orten — man bewegt sich per Boot oder Hubschrauber. Deshalb ist ein kleines Schiff dort das praktischste Verkehrsmittel.

Grundlage dieses Berichts ist das Bordbuch der Reise vom 11. bis 18. August 2026 mit der MS CAPE RACE, ab und bis Qaqortoq. Kapitän: Mario. Expeditionsleiter: Andreas Umbreit. Guide: Bent. Fotos: Andreas Umbreit.

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