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Reiseberichte

Von der Nordsee bis zur Eiskante: eine Vogelreise über zwölf Tage

Basstölpel an den Shetlands, Elfenbeinmöwen am Packeis, Schwertwale dazwischen — und kein einziger Eisbär. Was eine Vogelbeobachtungsfahrt in die Arktis wirklich zeigt.

1. September 2026 · von Leguan Reisen

Es gibt eine Reiseform, bei der die Seetage die besten Tage sind. Bei Vogelbeobachtung auf See ist genau das der Fall.

Vom 25. Mai bis 5. Juni 2026 fuhr die MV Ortelius von Vlissingen über Aberdeen bis Longyearbyen. Zwölf Tage, gut zweitausend Seemeilen — und eine Artenliste, die sich mit jedem Breitengrad veränderte. Dieser Text beschreibt, wie so eine Fahrt abläuft und was man dabei zu sehen bekommt.

Zwei Basstölpel im Nordatlantik
Basstölpel begleiten das Schiff auf der Nordsee-Etappe. An den Klippen der Shetlands tragen sie Nistmaterial im Schnabel. © Rinie van Meurs / Oceanwide Expeditions

Die Nordsee: Basstölpel und Papageitaucher

Schon auf dem Weg nach Norden wurden die Seevögel zu den Hauptdarstellern. Eissturmvögel glitten mühelos neben dem Schiff her und nutzten die Aufwinde, die Wind und Wellen erzeugen. Basstölpel zogen regelmäßig vorbei, ihre großen Flügel und das leuchtende Weiß gut gegen die dunkle See zu erkennen. Dazu Papageitaucher, Trottellummen und Tordalken, mal dicht über dem Wasser, mal in lockeren Trupps.

Foula: die Landung, die nicht stattfand

Foula gehört zu den abgelegensten bewohnten Inseln Großbritanniens und ist Teil der Shetlands. Ihre Steilküsten sind nach denen von St Kilda die zweithöchsten Meeresklippen des Vereinigten Königreichs.

An der Südostseite, dem exponiertesten Teil der Insel, erwiesen sich Dünung und Wind als zu stark. Weder Anlandung noch Zodiac-Fahrt waren zu verantworten.

Stattdessen verlegte der Kapitän das Schiff an die Nord- und Westküste und fuhr dort mehrere Stunden unter den Klippen entlang. Für Vogelbeobachtung war das kein schlechter Tausch. Große Trupps von Eissturmvögeln ruhten auf dem Wasser, Skuas patrouillierten auf der Suche nach Beute. An den Klippenkanten reihten sich hunderte Papageitaucher-Bruthöhlen; die Vögel kamen und gingen ununterbrochen. Trottellummen und Tordalken drängten sich auf jedem verfügbaren Felsvorsprung. Und Basstölpel zogen dicht am Schiff vorbei, den Schnabel voller Nistmaterial.

Papageitaucher zwischen Gras und Blüten an einer Steilküste
Papageitaucher. An Foulas Klippenkanten reihen sich hunderte Bruthöhlen — die Insel hat nach St Kilda die zweithöchsten Meeresklippen Großbritanniens. © Frank Maes / Oceanwide Expeditions

Dass eine Landung ausfiel, war für manche enttäuschend. Es zeigte aber, was Expeditionsreisen ausmacht: Der Plan weicht dem Wetter, und was dabei herauskommt, ist oft nicht schlechter — nur anders.

Die offene See: wo die Wale dazukommen

Zwischen den Shetlands und Jan Mayen liegen zwei volle Seetage. Auf dem Papier Fahrtage — tatsächlich die produktivsten der Reise.

Am ersten rief jemand über die Lautsprecheranlage Orca, woraufhin ein laufender Vortrag über Wolken kurzerhand abgebrochen wurde. Alle stürzten mit Ferngläsern an die Reling. Der Kapitän änderte den Kurs, um die Beobachtung zu verlängern. Die Schwertwale jagten zunächst in einiger Entfernung und schwammen dann bereitwillig längsseits; ein Kalb lieferte für viele das Bild des Tages. Am Folgetag wiederholte sich das Schauspiel gleich zweimal.

Am Ende der Reise standen neun Walarten auf der Liste — darunter Blauwal, Finnwal, Buckelwal, Pottwal, Entenwal, Grindwal und Beluga.

Die Eiskante: Krabbentaucher und Elfenbeinmöwen

Nördlich von Jan Mayen kündigt sich das Eis an, bevor man es sieht. Die Wolkenunterseite bekommt einen weißen Schimmer — Eisblink, das reflektierte Licht der Eisfläche.

Dann verändert sich das Schiff. Draußen rollte die Ortelius noch in der Dünung; hundert Meter im Eis war es still. Das Eis schluckt die Bewegung. Bei zwei Knoten schob sich der Rumpf durch lose Schollen — Pfannkucheneis, dessen aufgeworfene Ränder ein Guide treffend „Pizza-Eis" nannte, weil die Platten beim Zusammenstoßen einen Rand hochwerfen wie eine Pizzakruste.

Expeditionsschiff an der Eiskante im arktischen Packeis
An der Eiskante. Hundert Meter im Eis hört die Dünung auf, und das Schiff wird still. © Andrew Peacock / Oceanwide Expeditions

Hier ändert sich auch die Vogelwelt. Dreizehenmöwen folgten dem Schiff und nutzten die kalten Winde, Eissturmvögel kreisten tief über dem Wasser. Der Höhepunkt für viele war die Sichtung mehrerer Elfenbeinmöwen — reinweiße Vögel, die vor Schnee und Eis fast gespenstisch wirken. Sie zählen zu den begehrtesten Arten der Hocharktis und leben fast ausschließlich in der Nähe von Meereis.

Dazu Sattelrobben, die auf einer flachen Eisfläche ruhten und deren helles Fell sich kaum von der Umgebung abhob.

Was nicht kam

Zwei volle Tage suchte das Schiff das Packeis nach Eisbären ab. Von allen Decks aus starrten Ferngläser auf den Horizont, das Expeditionsteam prüfte jede Form und jeden Schatten. Mehrfach ging ein Raunen über die Decks — und jedes Mal war es eine ungewöhnliche Eisformation oder ein sonnenbeschienener Schneefleck.

Es blieb bei null. Die Artenliste des Bordbuchs führt den Eisbären ohne einen einzigen Eintrag.

Wir schreiben das so deutlich, weil es zur Sache gehört. Wer sicher Eisbären sehen will, muss eine Route wählen, die gezielt und länger im Packeis um Spitzbergen unterwegs ist — und auch dann bleibt es eine Wahrscheinlichkeit.

Was Sie mitbringen sollten

  • Ein Fernglas. Das wichtigste Gepäckstück. Beobachtet wird überwiegend vom Deck.
  • Warme Kleidung fürs Stehen, nicht fürs Gehen. Stundenlang an der Reling ist kälter als jede Wanderung.
  • Geduld mit dem Wetter. Auf dieser Fahrt fiel eine Anlandung aus und eine Bergkuppe blieb stundenlang in Wolken.
  • Keine Vorkenntnisse. Die Guides bestimmen und erklären; die Artenliste entsteht gemeinsam.

Solche Routen

Die beschriebene Reise war die Vogelbeobachtungsfahrt der MS Ortelius von Aberdeen über Jan Mayen und den Eisrand nach Spitzbergen, zwölf Tage. Dieselbe Idee in zehn Tagen fährt die MS Hondius, ebenfalls mit ornithologischem Schwerpunkt.

Wer die Route lieber zur hellsten Zeit des Jahres fährt, findet sie bei der MS Plancius zur Sommersonnenwende. Weitere Möglichkeiten stehen in der Reiseübersicht — sprechen Sie uns an, wenn Sie wissen möchten, welche Route zu Ihren Zielarten passt.

Häufige Fragen zur Vogelbeobachtung auf See

Was ist eine Vogelbeobachtungsreise per Schiff?

Eine Expeditionsfahrt, deren Route und Tagesablauf auf Seevögel ausgelegt sind. Beobachtet wird überwiegend vom Deck aus, ergänzt durch Anlandungen an Vogelfelsen. An Bord begleiten Guides mit ornithologischem Schwerpunkt, es gibt Vorträge und eine gemeinsame Artenliste.

Welche Arten sieht man auf der Strecke Nordsee – Arktis?

Im Süden Basstölpel, Papageitaucher, Trottellummen, Tordalken und Skuas an den Vogelfelsen der Shetlands. Weiter nördlich Eissturmvögel und Dreizehenmöwen, die das Schiff begleiten. An der Eiskante Krabbentaucher und mit Glück Elfenbeinmöwen.

Was ist eine Elfenbeinmöwe und warum ist sie besonders?

Ein reinweißer Vogel der Hocharktis, der fast ausschließlich in der Nähe von Meereis lebt. Sie gilt unter Vogelbeobachtern als eine der begehrtesten Arten der Region und ist zugleich einer der Verlierer des schwindenden Meereises.

Braucht man für so eine Reise Vorkenntnisse?

Nein. Die Guides bestimmen die Arten und erklären sie; wer will, führt seine eigene Liste. Ein Fernglas sollte man mitbringen — es ist das wichtigste Gepäckstück auf einer solchen Fahrt.

Wie viele Seetage hat eine solche Route?

Auf der beschriebenen Reise lagen zwischen den Landgängen vier reine Seetage. Gerade diese Tage sind für Vogelbeobachtung die ergiebigsten, weil das Schiff durchgehend fährt und die Artenzusammensetzung sich mit der geografischen Breite verändert.

Sieht man auf so einer Fahrt auch Wale?

Auf dieser Reise wurden neun Walarten notiert, darunter Blauwal, Finnwal, Buckelwal, Pottwal, Schwertwal und Beluga. Schwertwale zeigten sich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, einmal mit einem Kalb.

Sieht man Eisbären?

Nicht zwangsläufig. Auf dieser Reise wurde trotz zweier voller Tage im Packeis kein einziger Eisbär gesichtet. Wer sicher Eisbären sehen will, sollte eine Route wählen, die gezielt und länger im Packeis um Spitzbergen unterwegs ist — und auch dann gibt es keine Garantie.

Grundlage dieses Berichts ist das Bordbuch der Reise OTL01c26 mit der MV Ortelius, 25. Mai bis 5. Juni 2026, von Vlissingen über Aberdeen nach Longyearbyen. Die Fotos stammen aus dem Bildarchiv von Oceanwide Expeditions und zeigen die beschriebene Region und ihre Tierwelt — nicht zwingend die geschilderte Abfahrt.

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