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Reiseberichte

Warum an Ostgrönlands Küste Orgelpfeifen stehen

Die Basaltsäulen der Blosseville-Küste sind 58 Millionen Jahre alt und haben Verwandte in Nordirland und auf den Färöern. Wie sie entstehen, warum sie sich fächern und wo man sie auf einer Reise sieht.

1. September 2026 · von Leguan Reisen

Es gibt einen Moment auf fast jeder Ostgrönland-Reise, in dem jemand im Zodiac die Frage stellt, ob das da vorn eigentlich gebaut sei. Gemeint ist eine Felswand, die aussieht wie ein umgestürzter Orgelprospekt: Hunderte gleich dicker Pfeiler, sauber aneinandergesetzt, manche senkrecht, manche in einem großen Fächer aufgeblendet.

Die Antwort ist nein. Und die Erklärung ist besser als jede Vermutung.

Gefächerte Basaltsäulen an einer Felswand in Ostgrönland mit Schnee am Fuß
Ein Fächer aus Basaltsäulen. Die Säulen stehen senkrecht zu der Fläche, an der die Lava abkühlte — an dieser Wand war das keine Ebene. © Lothar Kurtze / Oceanwide Expeditions

Warum Lava in Sechsecke zerbricht

Eine Basaltsäule ist ein Schrumpfriss. Wenn eine dicke Lavadecke erstarrt, verliert sie Volumen — und weil sie das nicht als Ganzes tun kann, löst sich die Spannung in Rissen, die von der Abkühlungsfläche aus in die Tiefe wandern.

Bricht ein Material an möglichst vielen Punkten gleichzeitig, ist das Sechseck die energetisch günstigste Form: Es deckt eine Fläche vollständig ab und braucht dafür die geringste Gesamtlänge an Rissen. Dieselbe Geometrie sieht man in ausgetrocknetem Schlamm und in Bienenwaben. Nur dass die Risse hier meterdick sind und nach unten wandern, während die Lava über Jahre abkühlt.

Die entscheidende Regel: Die Säulen stehen immer senkrecht auf der Fläche, an der die Lava ihre Wärme verloren hat. Bei einer waagerechten Decke ergibt das eine Orgel. Fließt die Lava aber in ein Tal, gegen eine Wand oder um einen Felsen herum, kühlt sie auch seitlich ab — und dann stehen die Säulen schräg, liegen quer oder blenden zu jenen großen Fächern auf, die an der ostgrönländischen Küste so häufig sind.

Man kann an einer solchen Wand also ablesen, welche Form das Gelände hatte, bevor die Lava kam.

Steilküste aus geschichtetem Basalt über dem Wasser eines Fjords
Decke über Decke: Jede waagerechte Lage in dieser Klippe war einmal ein eigener Lavastrom. © Lothar Kurtze / Oceanwide Expeditions

58 Millionen Jahre: als der Atlantik aufriss

Woher kam so viel Lava? Am Abend des 22. August 2026 erklärte Karoline vom Expeditionsteam den Gästen den Zusammenhang, und er ist groß: Die Basalte dieser Küste entstanden bei anhaltenden, massiven Flutbasalt-Eruptionen vor etwa 58 bis 60 Millionen Jahren — genau in der Phase, in der sich der Nordatlantik öffnete und Grönland und Nordwesteuropa auseinanderzudriften begannen.

Flutbasalt heißt: kein Vulkankegel, sondern kilometerlange Spalten, aus denen dünnflüssige Lava über Jahrtausende hinweg schubweise austritt und ganze Landschaften einebnet, Decke über Decke. An der Blosseville-Küste stapeln sich diese Decken zu Klippen, deren waagerechte Streifen man aus mehreren Kilometern Entfernung zählen kann.

Die Verwandten: Nordirland, Schottland, Färöer

Das Bemerkenswerte an dieser Erklärung ist, wohin sie führt. Dieselbe vulkanische Episode — Geologen nennen sie die Nordatlantische magmatische Provinz — hat noch drei andere Orte hervorgebracht, die man kennt:

  • die Färöer, die vollständig aus diesen Basaltdecken bestehen;
  • die Antrim-Basalte in Nordirland mit dem Giant's Causeway;
  • die schottische Insel Staffa mit der Fingalshöhle, deren Säulen Mendelssohn zu seiner Hebriden-Ouvertüre brachten.

Es war ein Ereignis. Der Atlantik hat die Bruchstücke seitdem auseinandergezogen. Wer in der Vikingebugt vor einer Basaltwand steht, sieht dieselbe Formation wie ein Wanderer in Nordirland — nur ohne Besucherzentrum und mit Eisbären auf der Moräne davor.

Zodiac mit Passagieren in roten Parkas vor einer Basaltwand
Besucht wird per Zodiac. Vom Wasser aus sieht man die Wände in voller Höhe — vom Land aus nie. © Lothar Kurtze / Oceanwide Expeditions

Das Eis, das darauf liegt

Südlich des Scoresby Sunds trägt diese Basaltlandschaft eine eigene Eiskappe: das Geikie-Plateau, rund 50.000 Quadratkilometer groß — etwa die Fläche von Niedersachsen. Von dort fließt der Bredegletscher nach Norden und endet als Gezeitengletscher in der Vikingebugt.

Damit hat man an einem einzigen Vormittag beides beieinander: die Wand aus Säulen und die Eisfront, die von den Bergen darüber herunterkommt. Am 22. August 2026 fuhren die Zodiacs erst zu einem Wasserfall, der Gletscherschmelzwasser in den Fjord schüttete, und dann an der Westseite der Gletscherfront entlang durch Growler, Bergy Bits und Eisberge jeder Größe.

Blaue Gletscherfront eines Gezeitengletschers im Scoresby Sund
Eine Gletscherfront im Scoresby Sund. Der Bredegletscher fließt vom Geikie-Plateau nach Norden in die Vikingebugt. © Lothar Kurtze / Oceanwide Expeditions

Woher die großen Eisberge kommen

Die Eisberge, für die der Scoresby Sund berühmt ist, stammen aber gar nicht von hier. Die größten kommen aus dem Nordvestfjord, dem längsten Arm des Systems, in den der Daugaard-Jensen-Gletscher direkt vom grönländischen Inlandeis kalbt.

Von dort treiben sie nach außen. Weil der Fjord an vielen Stellen flacher ist als die Eisberge tief sind, laufen sie unterwegs auf Grund und bleiben stehen — manche über hundert Meter hoch, und das ist nur der sichtbare Teil. Genau das erzeugt jene stillen Felder aus reglosen Eisbergen, die man auf Fotos aus dem Scoresby Sund sieht.

Sie sind nicht so still, wie sie aussehen. Am 20. August hörte eine Wandergruppe oberhalb des Sydkaps ein Donnern, blieb stehen und sah zu, wie ein gestrandeter Eisberg ein Stück verlor, das Gleichgewicht einbüßte und sich drehte, bis er eine neue Lage gefunden hatte. Beim weiteren Aufstieg kam dieses Geräusch immer wieder aus dem Sund herauf.

Zodiac neben einem riesigen Eisberg mit natürlichem Torbogen
Auf Grund gelaufen und deshalb reglos: Die größten Eisberge des Sunds stammen aus dem Nordvestfjord, weit im Landesinneren. © Oceanwide Expeditions / Oceanwide Expeditions

Zwei Gesteinsgeschichten an einem Fjord

Wer nach Norden statt nach Süden blickt, sieht etwas völlig anderes. Jameson Land, die große Halbinsel an der Ostseite des Sunds, besteht nicht aus Vulkangestein, sondern aus Sedimenten — und die sind älter. Am Hurry Inlet führen Küstenwanderungen an Felsformationen entlang, in denen jurassische Fossilien stecken.

Auf einer Fahrt von wenigen Tagen liegen also zwei komplett getrennte Kapitel der Erdgeschichte nebeneinander: ein Flachmeer aus der Zeit der Dinosaurier auf der einen Seite, und auf der anderen die Lavadecken, die beim Auseinanderbrechen eines Kontinents entstanden.

Dazwischen, auf Turner Ø im Rømer Fjord, gibt es noch eine dritte Merkwürdigkeit: warme Quellen. Kleine Becken, in einer Landschaft, die sonst keinen Hinweis auf Wärme gibt. Sie werden weitgehend in Ruhe gelassen, weil sie wissenschaftlich beobachtet werden. Am 23. August stieg die Landgruppe von dort über die Basaltsäulen auf, um von oben in den Fjord zu sehen — während die Taucher der Reise an denselben Säulen unter Wasser abtauchten. Zwei Tauchgänge an diesem Tag: einer an einem Eisberg, einer an der Basaltwand.

Warum das für die Reise einen Unterschied macht

Geologie klingt nach Vorlesung, entscheidet an dieser Küste aber ganz praktische Dinge mit:

  • Das Gehgelände. Basalt verwittert in Stufen und Blöcken. Das ergibt gut begehbare Terrassen — und dazwischen Blockschutt, der volle Aufmerksamkeit verlangt.
  • Die Farben. Die rostroten und braunen Töne der Küste sind Eisen im Gestein. Bei tiefem Licht wirken ganze Wände kupfern.
  • Die Form des Fjords. Dass der Scoresby Sund so tief und so weit verzweigt ist, liegt daran, dass sich die eiszeitlichen Gletscher in diese gestapelten Decken hineinfräsen konnten — entlang der Schwächezonen zwischen ihnen.

Wo man das sieht

Die Basaltsäulen der Vikingebugt und von Helgenæs stehen auf jeder Scoresby-Sund-Route im Programm, meist als Zodiac-Fahrt, weil man die Wände nur vom Wasser aus in voller Höhe sieht:

Welche der beiden Grundformen — Rundreise ab Island oder Einwegroute ab Spitzbergen — zu Ihnen passt, haben wir in einem eigenen Beitrag gegenübergestellt. Und was solche Fahrten in Sachen Tierbeobachtung realistisch hergeben, steht hier.

Häufige Fragen zur Geologie Ostgrönlands

Wie entstehen Basaltsäulen?

Beim Abkühlen. Eine dicke Lavadecke schrumpft, während sie erstarrt, und die Spannung löst sich in Rissen, die sich von der Abkühlungsfläche aus nach innen fortsetzen. Im Idealfall entsteht dabei ein Netz aus Sechsecken — dieselbe Geometrie, die auch getrockneter Schlamm bildet. Die Säulen stehen immer senkrecht zu der Fläche, an der die Lava ihre Wärme verloren hat.

Warum stehen die Säulen mal senkrecht und mal gefächert?

Weil die Abkühlungsfläche nicht immer waagerecht war. Floss die Lava in ein Tal oder gegen eine Wand, kühlte sie auch seitlich ab — dann stehen die Säulen schräg, liegen quer oder fächern auf. Genau solche Fächer und Rosetten gehören zu den auffälligsten Formationen an der ostgrönländischen Küste.

Wie alt sind die Basalte in Ostgrönland?

Etwa 58 bis 60 Millionen Jahre. Sie entstanden bei massiven Flutbasalt-Eruptionen während der Öffnung des Nordatlantiks, als sich Grönland und Nordwesteuropa voneinander zu trennen begannen.

Was hat Ostgrönland mit dem Giant's Causeway zu tun?

Beide gehören zur selben vulkanischen Episode. Die Nordatlantische magmatische Provinz umfasst neben der Blosseville-Küste Ostgrönlands auch die Färöer, die Antrim-Basalte in Nordirland mit dem Giant's Causeway und die schottische Insel Staffa mit der Fingalshöhle. Es ist ein einziges Ereignis, das der Atlantik seitdem auseinandergezogen hat.

Wo sieht man die Basaltsäulen auf einer Reise?

Im südlichen Scoresby Sund. Die Vikingebugt und die Halbinsel Helgenæs sind die klassischen Ziele; auch auf Turner Ø im Rømer Fjord stehen Säulen, über die man aufsteigen kann. Besucht wird meist per Zodiac, weil man die Wände so am besten von unten sieht.

Was ist das Geikie-Plateau?

Ein Eisfeld von rund 50.000 Quadratkilometern südlich des Scoresby Sunds, das auf den Basaltdecken der Volquart-Boon-Küste liegt. Von dort fließt unter anderem der Bredegletscher nach Norden in die Vikingebugt.

Warum sind die Eisberge im Scoresby Sund so groß?

Weil sie überwiegend nicht aus den Seitenfjorden stammen, sondern aus dem Nordvestfjord, in den der Daugaard-Jensen-Gletscher direkt vom grönländischen Inlandeis kalbt. Diese Eisberge treiben durch das Fjordsystem nach außen und laufen unterwegs auf Grund — manche über hundert Meter hoch.

Gibt es in Ostgrönland heiße Quellen?

Ja, wenn auch bescheidene. Auf Turner Ø im Rømer Fjord treten warme Quellen an die Oberfläche und sammeln sich in kleinen Becken nahe der Küste. Sie werden weitgehend in Ruhe gelassen, weil sie wissenschaftlich beobachtet werden.

Grundlage dieses Berichts ist das Bordbuch der Reise PLA11-26 mit der MV Plancius, 16. bis 25. August 2026, ab und bis Akureyri in den Scoresby Sund. Die Fotos stammen aus dem Bildarchiv von Oceanwide Expeditions und zeigen die beschriebene Region — nicht zwingend die geschilderte Abfahrt. Mehrere Aufnahmen entstanden im Spätsommer bei Neuschnee, während auf dieser Fahrt bis zu siebzehn Grad gemessen wurden.

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