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Aus den Logbüchern

Sechzehn Tage an Grönlands Südostküste: von Kulusuk nach Qaqortoq mit der CAPE RACE

Zweimal Nordlicht, mehr als fünfzig Wale an einem Abend, ein Eisbär auf der Pirsch und eine Gletscherlandung wie zuletzt vor zwanzig Jahren. Das Bordlogbuch einer Grönland-Fahrt im September 2026, Tag für Tag von Kulusuk bis Hvalsey und Qaq...

6. November 2026 · von Leguan Reisen
Sechzehn Tage an Grönlands Südostküste: von Kulusuk nach Qaqortoq mit der CAPE RACE
© Andreas Umbreit

Die CAPE RACE fuhr vom 16. September bis zum 1. Oktober 2026 entlang der Südostküste Grönlands von Kulusuk nach Qaqortoq. Das Bordlogbuch dieser Reise verzeichnet sechzehn Tage mit 2 bis 4 °C am Morgen, zweimal Nordlicht, mehr als fünfzig Wale an einem Abend, einen einzigen Eisbären und eine Gletscherlandung, wie sie der Expeditionsleiter zuletzt vor zwanzig Jahren erlebt hatte.

Geplant war davon wenig. Zehn Gäste, zwei Führer und ein Schiff fuhren durch eine Küste, an der das Logbuch tagelang kein bewohntes Dorf nennt, und entschieden jeden Morgen neu, wohin. Am Ende stand die Kirche von Hvalsey, und dazwischen lagen ein Fallwind-Forschungsprojekt, eine Graphitmine und die Reste eines 400 Meter hohen Sendemastes.

Südostgrönland im Herbst: die Reise in Zahlen

Die folgenden Angaben stammen aus dem Bordlogbuch. Es wird an jedem Morgen um acht Uhr geführt und nennt Position und Wetter. Zwischen dem ersten und dem letzten Eintrag fuhr das Schiff von 65° 34' auf 60° 42' Nord, der südlichste Punkt lag bei Kitsissut auf 60° 00'. Das Thermometer zeigte an diesen sechzehn Morgen nie weniger als 2 und nie mehr als 4 °C.

BORDLOGBUCH · POSITION UM 8 UHR · 16. SEPTEMBER BIS 1. OKTOBER 2026

16.09.3 °C65° 34,90' N, 037° 10,46' WKulusuk
sonnig, starker Wind
17.09.2 °C65° 37,27' N, 037° 37,88' WSangmileq
heiter, schwacher Wind
18.09.3 °C65° 40,20' N, 037° 52,10' WSermilik-Fjord
wechselhaft, windig
19.09.2 °C64° 21,37' N, 040° 44,28' WUmivik (Nansen Bugt)
leichte Schauer, windig
20.09.2 °C63° 13,54' N, 041° 25,23' WSaqqisikuik
heiter, windstill
21.09.2 °C63° 15,05' N, 041° 37,53' WApuseerajik-Bucht
heiter, schwacher Wind
22.09.3 °C63° 08,93' N, 041° 09,57' WTimmiarmiut-Fjord
sonnig, windig
23.09.3 °C61° 44,20' N, 042° 15,52' WKap Cort Adelaer
sonnig, windstill
24.09.4 °C60° 26,50' N, 043° 07,74' WPeer Vig (Lindenow-Fjord)
sonnig, windstill
25.09.3 °C60° 03,48' N, 043° 10,51' Wvor Bluie East One
bedeckt, schwacher Wind
26.09.3 °C60° 08,88' N, 044° 09,98' Wvor Aappilattoq
bedeckt, schwacher Wind
27.09.3 °C60° 00,86' N, 045° 00,72' WKitsissut
bedeckt, schwacher Wind
28.09.3 °C60° 08,20' N, 045° 14,22' Wvor Nanortalik
heiter, windig
29.09.3 °C60° 13,95' N, 045° 12,31' Wvor Amitsoq
etwas Regen, windig
30.09.4 °C60° 49,75' N, 045° 46,90' Wvor Hvalsey
trocken, bedeckt, kaum Wind
01.10.3 °C60° 42,82' N, 046° 02,1' Wvor Qaqortoq
trocken, heiter, windig

Kulusuk, Sangmileq und Tasiilaq: Nordlicht am ersten Abend

Die Gäste kamen gegen 12:30 Uhr vom Flughafen Kulusuk, zuerst per Quad, dann per Zodiac. Nach dem Mittagessen wurde der Anker gelichtet, um 15:30 Uhr standen alle in Sangmileq an Land. Dort teilte sich die Gruppe zum ersten Mal: acht Gäste blieben mit Expeditionsleiter Andreas nahe der Landestelle am Fluss, zwei stiegen mit Guide Bent auf zwei Hügelgipfel. Von oben war das Ende des Gletschers zu sehen, der zum See hin ausläuft. Auf dem Rückweg zeigten sich fünf Schneehühner.

Diese Aufteilung zieht sich durch das ganze Logbuch. Wer fotografieren oder langsam gehen möchte, bleibt in der Nähe des Ufers. Wer steigen möchte, geht weiter. Bei zehn Gästen und zwei Führern ist das keine Organisationsfrage.

In der ersten Nacht lag das Schiff vor Anker in Sangmileq, und nach dem Abendessen stand schon das erste Nordlicht am Himmel.

Am nächsten Vormittag erkundeten die Gäste Tasiilaq auf eigene Faust, am Kai lag ein Versorgungsschiff. Nachmittags führte eine Wanderung ins Naasuliardarpi, das Blumental. Bent nahm drei Gäste über einen Bergrücken und auf dem Rückweg durch den Bereich, in dem die Einheimischen ihre Schlittenhunde halten.

Gebänderter Eisberg, aufgenommen am 17. September, dem zweiten Reisetag.
Gebänderter Eisberg, aufgenommen am 17. September, dem zweiten Reisetag. © Andreas Umbreit

Sermilik Research Station: wo der Rückzug eines Gletschers gemessen wird

Der 18. September begann mit einer Einladung, die in keinem Programm stand. Andreas hatte am Flughafen in Kulusuk einen der Wissenschaftler getroffen, und so legte die CAPE RACE nach einer Fahrt zu teils kalbenden Eisbergen im Sermilik-Fjord an der österreichisch-dänischen Sermilik Research Station an.

Dort wird unter anderem der Rückzug des nahen Gletschers genau vermessen. Es ist das Eis, an dem schon Knud Rasmussen forschte, weshalb ungewöhnlich weit zurückreichende Vergleichswerte vorliegen. Ein zweiter Schwerpunkt ist der Piteraq, der gefürchtete Fallwind vom Inlandeis. Ihn besser zu verstehen und vorherzusagen, soll auch den Menschen vor Ort mehr Sicherheit geben.

Anlandung auf dem Gletscher: die erste dieser Art seit zwanzig Jahren

Gegen 16 Uhr folgte, was das Logbuch eine unerwartete Rarität nennt. Bei Nattivit Apusiiat, südlich der Mündung des Sermilik-Fjords, setzte das Zodiac die Gruppe direkt auf der Oberfläche eines flach ins Meer auslaufenden Gletschers ab. Andreas' letzte Landung dieser Art lag zwanzig Jahre zurück, damals am Kap Arktitscheskiy in Sewernaja Semlja.

Dass so etwas überhaupt möglich ist, hat laut Logbuch zwei Voraussetzungen: Das Eis muss am Meeresboden angefroren sein und über der Wasseroberfläche schneller schmelzen als darunter. Sehr flaches Wasser mit wenig Austausch, viel Schmelzwasser und niedrige Temperaturen könnten hier zusammenwirken. Das Logbuch formuliert das als Vermutung, und so bleibt es auch hier.

Flach auslaufende Gletscherzunge am 18. September. Die beiden kleinen Figuren am Ufer geben den Maßstab.
Flach auslaufende Gletscherzunge am 18. September. Die beiden kleinen Figuren am Ufer geben den Maßstab. © Andreas Umbreit

Zurück an Bord gab es ein besonderes Abendessen von Kapitän Mario und Köchin Evalina, mit edlem Wein aufs Haus. Währenddessen nahm das Schiff schon Fahrt auf. Um Ammassalik braute sich ein heftiger Sturm zusammen, und die CAPE RACE lief die ganze Nacht nach Süden, um ihm zu entgehen.

Umivik: mehr als fünfzig Wale beim Abendessen

Der Morgen danach lag bei 64° 21' Nord, in der Nansen Bugt. Die Landschaft von Umivik beschreibt das Logbuch als sehr karg: gebänderte, glatt geschliffene Felsen, dazu Blicke auf Gletscherfronten. Eine Gruppe fotografierte die Strukturen, vier Gäste stiegen mit Bent auf einen der Gipfel, unterwegs flogen vier Alpenschneehühner auf. Bis 16 Uhr folgte eine Erkundungsfahrt durch Fjord, Inseln und Eisberge.

Glatt geschliffener Fels in Umivik, dahinter Gletscher und Schnee: eine Landestelle ohne Bewuchs.
Glatt geschliffener Fels in Umivik, dahinter Gletscher und Schnee: eine Landestelle ohne Bewuchs. © Andreas Umbreit

Dann unterbrachen Wale das Abendessen. Zwergwale, Buckelwale und Finnwale, einige jagten in einem großen Verband. Der Kapitän schätzte die Gesamtzahl auf mehr als fünfzig. Das ist eine Schätzung von Deck und kein Zählergebnis, und es lässt sich auf keiner anderen Fahrt einfach wiederholen. Eben deshalb steht es im Logbuch.

Saqqisikuik: ein Ort, an dem das Kajak zurückgelassen wird

Im Skjoldungen-Fjord suchte das Schiff Schutz vor dem schweren Wetter draußen. Am 20. September ging die Gruppe in Saqqisikuik an Land. Der Name bedeutet ungefähr „ein Ort, an dem das Kajak zurückgelassen wird“. Die Siedlung wurde 1938 gegründet und 1964 bis 1965 aufgegeben. Zwischen kleinen Häusern und Gräbern führte Bent die Gäste auf einen Hügel, von dem aus zwei große Eisberge zu sehen sind.

Die für den Nachmittag geplante zweite Landung fiel aus. Reste des Wetters reichten bis in den Fjord hinein. Stattdessen sprach Bent an Bord darüber, wie die Thule-Kultur nach Grönland kam, und über die jüngere Geschichte des Landes, auch über den G-60-Bericht, eine politische Studie aus dem Jahr 1964. Es ist etwas anderes, das von einem Grönländer zu hören, am Tag, an dem man eine aufgegebene Siedlung betreten hat. Später zeigten Mario und Bent, wie man grönländischen Kaffee zubereitet, und die Sauna war geöffnet.

Skjoldungen-Fjord: ein Eisbär pirscht sich an einen Stein an

Am 21. September war nach einer Wanderung durch das Gletschertal der Apuseerajik-Bucht, zwischen Engelwurz, Quendel und Rosenwurz, eigentlich eine weitere Talwanderung geplant. Kurz vor dem Ziel entdeckte Annette am Steuer einen Eisbären. Andreas vermutete ein Weibchen.

Die CAPE RACE am 21. September im Skjoldungen-Fjord, im Vordergrund die Herbstfarben der Tundra.
Die CAPE RACE am 21. September im Skjoldungen-Fjord, im Vordergrund die Herbstfarben der Tundra. © Andreas Umbreit

Das Tier ging ins Wasser, als sich das Schiff näherte. Die Crew vermutete zuerst eine Störung und hielt Abstand. Tatsächlich interessierte sich der Bär kaum für das Schiff. Er hatte offenbar eine Robbe wahrgenommen und näherte sich nun, teils tauchend und teils in Deckung, verschiedenen Steinen im Uferbereich, die er wohl für diese Robbe hielt. In rund 150 Metern Abstand passierte er den Bug. Der Motor war abgeschaltet, das Schiff trieb.

Das Logbuch verschweigt auch nicht, dass einzelne Gäste trotz mehrfacher Bitten laut riefen und sich schnell auf dem hallenden Metalldeck bewegten. Der Bär ließ sich zum Glück nicht beirren. Es ist die einzige Eisbärbegegnung, die das Logbuch in diesen sechzehn Tagen nennt. Auf einer solchen Fahrt lässt sich so etwas nicht planen. Es bleibt Glück.

Danach ging es zum Thrym-Gletscher in der nördlichsten Fjordecke. Seine Front zieht sich zurück und gibt Jahr für Jahr einen breiteren Kanal frei, der in eine bisher vom Eis abgeriegelte Bucht führt. Noch ist die Durchfahrt so nah an der Front zu gefährlich.

Timmiarmiut und Kap Cort Adelaer: Vollmond und eine Wetterstation aus dem Krieg

Am 22. September lief die CAPE RACE nach Timmiarmiit. An den Ruinen einer ehemaligen Inuit-Siedlung berichtete Bent vom Leben dort und den harten Bedingungen, die Menschen hier über Jahrhunderte ertrugen. Nach einer langen Zodiac-Fahrt zwischen treibendem Eis ging es in der Nacht weiter nach Süden, im Licht des Vollmonds über Bergen und Eisbergen.

Vollmond über einem Eisberg: In der Nacht zum 23. September lief das Schiff von Timmiarmiit nach Süden.
Vollmond über einem Eisberg: In der Nacht zum 23. September lief das Schiff von Timmiarmiit nach Süden. © Andreas Umbreit

Am Morgen lag sie vor Kap Cort Adelaer auf 61° 44' Nord. Dort stehen die Reste einer amerikanischen Wetterstation aus dem Zweiten Weltkrieg. Mittags verweilte das Schiff, nachdem es eine Zone dichteren Gletschereises passiert hatte, vor einer Gletscherfront im inneren Fjord. Am Nachmittag fuhren nur fünf Gäste zum nahen Gletscher mit. Auch das ist eine Größe, in der eine Wanderung direkt ans Eis noch möglich ist.

Vom Vorschiff aus gesehen: die Gletscherfront im inneren Fjord am 23. September.
Vom Vorschiff aus gesehen: die Gletscherfront im inneren Fjord am 23. September. © Andreas Umbreit

Lindenow-Fjord: Wenn frisches Meereis den Plan ändert

Das Bild ganz oben zeigt den 24. September. Sonne, Windstille, 4 °C, die Berge doppelt im Wasser des Kangerlussuatsiaq, wie der Lindenow-Fjord auf Grönländisch heißt. In Peer Vig ging die Gruppe an einer vielfachen Wasserkaskade über glatt geschliffenen Fels an Land. Drei Gäste stiegen mit Bent auf einen Bergrücken, nach Norden lag ein Inlandsee unter ihnen, nach Süden der Fjord.

Nachmittags sollte eine Zodiac-Fahrt vor die Kalbungsfront im kaum besuchten Seitenarm Nordfjord führen. Auf dem Weg dorthin klirrte zunehmend dickeres, glasklares, frisch gefrorenes Meereis am Bug. Für die Zodiacs war das ungeeignet. Also wurde daraus eine Rundfahrt mit dem Schiff samt Abstecher in eine Nebenbucht mit wilder Bergkulisse. Dort kamen die Zodiacs doch noch zum Einsatz: Fünf Gäste fuhren mit und sahen Seehunde und Bartrobben, die auf kleinen Schollen dösten.

Abends ankerte das Schiff wieder vor der Kaskade. Es blieb bis zwei Uhr nachts dort, denn am Himmel stand erneut starkes Nordlicht. Die Schlafstunden fielen entsprechend knapp aus, schreibt das Logbuch.

Bluie East One und Prins-Christian-Sund: eine Kalbung von unten

Am östlichen Eingang des Prins-Christian-Sunds liegt Bluie East One, im Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern als Wetterstation gegründet und bis heute für diesen Zweck in Betrieb, inzwischen vollautomatisch. Die Gebäude verteilen sich über mehrere steil abfallende Gipfel, über eine Schlucht führt sogar eine Hängebrücke. Das Logbuch fühlt sich an James-Bond-Filme erinnert.

Rote Gebäude über dem Wasser: die Anlage von Bluie East One am Eingang des Prins-Christian-Sunds.
Rote Gebäude über dem Wasser: die Anlage von Bluie East One am Eingang des Prins-Christian-Sunds. © Andreas Umbreit

Am Nachmittag erlebte die Gruppe vom Zodiac aus mehrere Kalbungen an einem Gletscher auf der Nordseite des Sunds. Eine davon war eine seltenere Unterwasserkalbung: Ein Eispaket, das offenbar unter Wasser aus der Front ragte, schoss durch den Auftrieb plötzlich über die Oberfläche und warf Wellen und Eissplitter um sich. Das Logbuch notiert es auch als Erinnerung, zu solchen Gewalten respektvollen Abstand zu halten.

Zurück an Bord hatte die Besatzung bei Windstille und Sonne einen Barbecue-Abend auf dem Deck vorbereitet.

Aappilattoq und Kangerluk: 83 Einwohner und ein Akkordeon

In Aappilattoq leben 83 Menschen. An einem der kleinen Häuser hing ein Eisbärenfell zum Trocknen. Als die Zodiacs zum Schiff zurückfuhren, hörte man in der Ferne einen Mann Akkordeon spielen. Mehr steht dazu nicht im Logbuch, und mehr braucht es auch nicht.

Aappilattoq, 26. September: rote Häuser zwischen Fels, dahinter Fjord und Gipfel.
Aappilattoq, 26. September: rote Häuser zwischen Fels, dahinter Fjord und Gipfel. © Andreas Umbreit

Nachmittags in Kangerluk blieben sieben Gäste mit Bent an der Landestelle, die Wanderer gingen mit Andreas Richtung Gletscher. Davor liegt ein See mit Resten gestrandeter Eisberge, in dem sich eine riesige senkrechte Felswand spiegelt, die unter Kletterern international bekannt ist.

Kitsissut und Herjolfsnæs: ein 400-Meter-Mast und der Hafen der Nordleute

Auf den Schäreninseln von Kitsissut stehen die Reste einer LORAN-C-Station, bis 1994 eine wichtige Peilsenderstation für die Schifffahrt im Nordatlantik, ehe GPS sie verdrängte. Zeitweise trug sie einen 400 Meter hohen Gittermast. Seine Dimension lässt sich heute nur noch an den Abspannpunkten im Gelände ahnen. Das Logbuch merkt an, dass auch das Cape Race in Kanada einmal zu diesem System gehörte. Im Frühling und Sommer nutzen Einheimische aus Nanortalik die Inseln noch immer, um Klappmützen zu jagen und daraus Trockenfleisch und fermentierten Speck zu machen.

Am Nachmittag erreichte die Gruppe Herjolfsnæs, die östlichste einstige Daueransiedlung der Nordleute. Hier ließ sich laut Logbuch 985 Herjolf nieder, ein Cousin von Erik dem Roten. Sein Sohn Bjarni sichtete als vermutlich erster Europäer Nordamerika, ohne es näher zu erkunden. Am nächsten an Island gelegen, war Herjolfsnæs wohl der wichtigste Hafenort dieser Kultur. Abends lief an Bord der Film „Palos Hochzeit“, Andreas und Bent erklärten den Hintergrund.

Nanortalik und die Graphitmine von Amitsoq: Grönland heute

In Nanortalik öffnete das Stadtmuseum eigens für die Gruppe. Eine originalgetreue Nachbildung eines Walfänger-Umiaqs steht dort neben einem originalen Familien-Umiaq, sodass sich die Bauweisen vergleichen lassen, dazu zahllose historische Fotografien. Abends führte Andreas in die Forschungsausrüstung des Schiffs ein. Unter Lupen und Mikroskop zeigten die vor dem Ort gezogenen Proben Massen von Phytoplankton und Ruderfußkrebse.

Am 29. September ging es zur Amitsoq-Graphitmine, deren Neueröffnung laut Logbuch von der EU finanziert wird. Die Gruppe sah sich um und betrat sogar einen Stollen der früheren Mine. Fjordeinwärts waren der spitze Kirkespiret und Nalunaq zu erkennen, nach Angabe des Logbuchs Grönlands einzige aktive Goldmine, nahe der Insel zeigte sich eine Bartrobbe.

Spuren einer Bohrkampagne in Amitsoq: Fässer und Schuppen am Fjord, September 2026.
Spuren einer Bohrkampagne in Amitsoq: Fässer und Schuppen am Fjord, September 2026. © Andreas Umbreit

Andreas ergänzte später einen Nachtrag: Man habe wohl Glück gehabt, überhaupt an Land zu kommen. Die Spuren stammten von einer Bohrkampagne der Firma GreenRoc von Anfang Juli bis in den späten August, im Oktober wurde weitergebohrt, Ende Oktober waren die Arbeiten abgeschlossen und die Anlagen wieder abgebaut. Graphit wird für Batterieanoden gebraucht, und Grönland sei an Bergbauprojekten interessiert, die die eigene Bevölkerung einbeziehen. Ein Blick auf ein Thema, das man sonst nur aus Nachrichten kennt.

Nachmittags auf der Insel Uunartoq folgte eine mittelschwere Wanderung zu einer Ruine wohl aus der Kolonialzeit und einer verlassenen Inuit-Siedlung mit Erdhäusern. Danach gab es Glühwein im warmen Wasser der natürlichen Quellen.

Hvalsey und Qaqortoq: die Kirche von 1300 und ein neuer Flughafen

Am letzten vollen Tag lag morgens die Kirche von Hvalsey vor dem Schiff, um 1300 auf dem Hof eines Großbauern erbaut und in ihren Mauern noch fast vollständig erhalten. Sie ist Ort einer überlieferten Hochzeit von 1408, dem letzten bekannten Ereignis der Nordleute auf Grönland, bevor sie nach über 400 Jahren unter nicht ganz geklärten Umständen verschwanden. Weil die Inuit mit dem Gebäude nichts anfangen konnten, wurde danach nichts mehr umgebaut. Das Logbuch hält es für den weltweit wohl einzigen so gut erhaltenen Bau dieser Kultur ohne spätere Umbauten.

Durch eine Maueröffnung der Kirche von Hvalsey: die CAPE RACE vor Anker am 30. September.
Durch eine Maueröffnung der Kirche von Hvalsey: die CAPE RACE vor Anker am 30. September. © Andreas Umbreit

Nachmittags führte Bent durch Qaqortoq, die Stadt, in der er aufgewachsen ist. Abends gab es den Abschiedsumtrunk und, auf Aufforderung des Kapitäns, eine Modenschau von Andreas mit Kleidungsstücken aus dem mare-Angebot.

Am 1. Oktober gab es um sieben Uhr Frühstück, die Koffer standen schon vor den Kabinen. Der Flughafen von Qaqortoq, zwölf Kilometer vom Hafen entfernt, wurde erst in diesem Frühling eröffnet. Ein Schild weist ihn mit 153 Metern als Dänemarks höchstgelegenen Flughafen aus. Weiter ging es für die meisten mit einer kleinen Turboprop von Air Greenland nach Nuuk und von dort mit dem A330-800 übers Inlandeis nach Kopenhagen.

Der Rückflug von Qaqortoq nach Nuuk: Berge, Gletscher und Fjorde, von oben noch einmal in einem Blick.
Der Rückflug von Qaqortoq nach Nuuk: Berge, Gletscher und Fjorde, von oben noch einmal in einem Blick. © Andreas Umbreit

Was dieses Logbuch über eine solche Reise sagt

In sechzehn Tagen änderte sich der Plan mindestens viermal: wegen eines Sturms am 18., wegen schweren Wetters am 20., wegen eines Eisbären am 21. und wegen frischen Meereises am 24. September. Keine dieser Änderungen steht als Verlust im Logbuch. Wer diese Küste bereist, kauft kein festes Programm, sondern zwei Führer und einen Kapitän, die jeden Morgen neu entscheiden.

Zwischen Kulusuk und den ersten Dörfern im Süden nennt das Logbuch tagelang nur verlassene Siedlungen und unbewohnte Fjorde. Für 2027 steht eine vergleichbare Fahrt im Programm, in umgekehrter Richtung von Qaqortoq nach Kulusuk, vom 6. bis 26. September. Ihre Route wird, wie diese, das Wetter mitbestimmen.

Grundlage dieses Berichts ist das Bordbuch der Reise MARE-18-26, geführt von Expeditionsleiter Andreas und Guide Bent. Fotos: Andreas Umbreit. Besatzung: Kapitän Mario, Annette, Ignazio, Karolina, Evalina, Anni.


Von der Leguan-Redaktion

Südostgrönland mit einem kleinen Schiff – die häufigsten Fragen

Wie kalt ist es in Südostgrönland Ende September?

Das Bordlogbuch der CAPE RACE notierte vom 16. September bis 1. Oktober 2026 morgens um acht Uhr zwischen 2 und 4 °C, unabhängig davon, ob das Schiff auf 65° oder 60° Nord lag. Dazu kamen sonnige und windstille Tage ebenso wie Schauer und starker Wind.

Kann man im September in Südostgrönland Nordlicht sehen?

Ja, das ist möglich, aber nicht planbar. Das Logbuch nennt Nordlicht in der Nacht vom 16. September bei Sangmileq und am 24. September im Lindenow-Fjord, dort bis zwei Uhr nachts.

Gibt es in Südostgrönland Eisbären?

Es gibt sie, sie lassen sich aber nicht einplanen. Das Logbuch dieser Reise nennt in sechzehn Tagen eine Begegnung: Am 21. September passierte ein Eisbär im Skjoldungen-Fjord den Bug in rund 150 Metern Abstand. In Aappilattoq hing außerdem ein Eisbärenfell an einem Haus.

Welche Wale kann man vor Grönlands Südostküste sehen?

Am 19. September 2026 hielten sich bei Umivik Zwergwale, Buckelwale und Finnwale um das Schiff auf. Der Kapitän schätzte mehr als fünfzig Tiere. Das war ein besonderes Ereignis dieser Fahrt und keine Regel.

Was ist die Kirche von Hvalsey?

Eine um 1300 erbaute Kirche der Nordleute auf dem Hof eines Großbauern in Südgrönland, in den Mauern fast vollständig erhalten. Dort fand 1408 die letzte überlieferte Hochzeit der Nordleute in Grönland statt.

Was war Herjolfsnæs?

Die östlichste einstige Daueransiedlung der Nordleute in Grönland und wohl ihr wichtigster Hafenort. Laut Logbuch ließ sich dort 985 Herjolf nieder; sein Sohn Bjarni sichtete als vermutlich erster Europäer Nordamerika.

Was ist Bluie East One?

Eine im Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern gegründete Wetterstation am östlichen Eingang des Prins-Christian-Sunds. Sie ist bis heute vollautomatisch in Betrieb. Die Gebäude verteilen sich über mehrere steile Gipfel.

Wie kommt man zu einer Reise von Kulusuk nach Qaqortoq?

Die Gäste kamen über den Flughafen Kulusuk an Bord und flogen ab Qaqortoq mit Air Greenland über Nuuk nach Kopenhagen. Der Flughafen von Qaqortoq wurde im Frühjahr 2026 eröffnet und liegt zwölf Kilometer vom Hafen entfernt.

Wie viele Gäste fahren auf der CAPE RACE mit?

Höchstens zwölf. Auf dieser Reise waren es zehn, begleitet von Expeditionsleiter und Guide. Deshalb konnte sich die Gruppe an Land regelmäßig nach Interesse und Tempo aufteilen.

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